Im Kandertal dominieren SVP und Freikirchen. Mit seinen Ansichten steht der linke Eventorganisator Reto Grossen quer in der Landschaft. Und kommt an. Dank ihm hat Frutigen ein eigenes Musikfestival, das Jahr für Jahr nationale Grössen und Tausende von Besuchern anzieht. Er ist getrieben von der Liebe zur Musik, zu seinen Mitmenschen – und seiner Heimatgemeinde.

Von Pascal Müller (Text, Bild und Video)

Der Sommer 2020 ist ein Sommer ohne Festivals. Sämtliche Grossanlässe, von Frauenfeld bis Montreux: abgesagt. Sämtliche Konzertveranstalter: In bedrohlicher Existenznot. Reto Grossen lächelt nur: «Im Vergleich zur Digitalisierung ist Corona ein laues Lüftchen.»

Die Digitalisierung, so Grossen, habe die Eventbranche komplett auf den Kopf gestellt. Er hat früher die alte Taverne in Adelboden geführt. Eine Disco im Bergdorf. Reto Grossen sagt: «Facebook, Tinder, Parship – der gesamte Aufreiss-Markt – das fand früher im öffentlichen Raum statt.» Heute geht Anbandeln via Smartphone, parallel dazu streamt man sich die neueste Musik in die gute Stube.

«Wenn die Leute heute rausgehen, dann wollen sie etwas erleben. Du musst ihnen etwas bieten.»

Seit 20 Jahren ist er im Business. Aufgewachsen in Frutigen, begann Grossen in Adelboden mit Auflegen, veranstaltete dort später Partys und Konzerte.

Das war Anfang der 2000er-Jahre, Grossen war Mitte Zwanzig. Es sollte der Start zu einer «DJ-Karriere» sein. Grossen legt bis heute Platten auf, an Festivals, an Hochzeiten, in Pop-up-Bars, verdient sein eigentliches Geld damit. Und finanziert damit Konzerte, Lesungen und Partys, die über Bar&Pub-Festival hinausgehen. Er wehrt sich gegen die kulturelle Verödung seiner Heimat. Im Video erklärt der 45-jährige zudem, dass er zweimal im Monat einen DJ-Gig spielen muss, um über die Runden zu kommen. Hinter und vor den Plattentellern, Reto Grossen hat einiges um die Ohren, wie der Besuch bei ihm in Frutigen zeigt.

 

2006 wurde er für sein Engagement mit dem Kulturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet. Zeitgleich begann er für William White zu arbeiten. Wurde dessen Manager. «Ich buchte Tourneen, machte das Booking, organisierte Proben. Ich war wie ein Bandmitglied – nur nicht auf der Bühne.» William White, Schweizer Soul-Musiker mit Wurzeln in Barbados, schaffte 2008 den Durchbruch und landete mehrere Top-Ten-Alben.

Reto Grossen machte sich seinerseits einen Namen in der Musikszene. Grossen, mittlerweile in Zürich, hatte nebst seiner Tätigkeit für William White mitgeholfen, die Zürcher Konzertlocation Papiersaal aufzubauen. Die Türen der Musikwelt, sie standen dem Frutiger weit offen. «Ich hätte ins Kaufleuten gehen können, das Moods wollte mich, diverse Bands hatten angeklopft – und eine internationale Plattenfirma.» Grossen stand am Scheideweg.

Der 45-jährige lächelt, wenn er heute zurückblickt. Auch ein wenig Heimweh sei es gewesen. Und:

«Irgendwann ging mir dieses Züri, hip, abgespaced und oberflächlich, so auf den Keks.»

«Vielleicht muss ich dazu noch sagen», fügt Grossen an: «Ich bin schwul.»

Seine Rückkehr nach Frutigen, ins – weniger weltoffene – Tal, sie kann auch unter diesem Aspekt betrachtet werden. Die Leute kennen ihn. Im Dorf, beim Mittagessen. Grossen grüsst hier, schwatzt da. Er glaube, etwas bewegen zu können – «in verschiedensten Fragen». «Die fromme Hochburg» titelte die NZZ einst über Frutigen und das Engstligental, andere sprechen gar von einem «Bible Belt».

Frutigen ist fest in bürgerlicher Hand, die SVP stärkste politische Kraft. Grossen sagt, es sei nicht immer ganz so einfach gewesen in seiner Jugend – noch vor dem Internet und der virtuellen, globalen Vernetzung. Aber er wolle nicht provozieren. «Kultur ist mein grosses Anliegen.» Die Freude in der Stimme ist indes hörbar, wenn Grossen erzählt, dass «mittlerweile sogar Freikirchler für die Ehe für alle sind».

Dass ein Kulturverein ohne Subventionen, ohne Sponsoren Konzerte dieser Dimension (letztes Jahr kamen zweimal 3500 Besucherinnen) auf die Beine stellen kann, hängt mit Reto Grossen zusammen. Seinem Netzwerk in der Szene, seinen Beziehungen. Und damit, dass er eben keine Familie hat. Nur so kann er all sein Engagement in den Verein stecken.

2012 gründete er den Verein Kanderkultur. 2015 lancierte er das Kanderkultur-Festival. Ein Openair mit Strahlkraft über die Grenzen des Kandertals hinaus. Reto Grossen lotste die Perlen des Schweizer Musikschaffens nach Frutigen. Lo&Leduc, Züri West, Patent Ochsner:

(Foto: Patrick Schmed)

Auch in diesem Jahr findet das Kanderkultur-Festival statt. Trotz Corona. Das Motto hat sich der Verein auf die Fahne geschrieben: «Kultur statt Exzess.» Es passt in vielerlei Hinsicht ins Jahr 2020. Und bietet Mundartpoesie von Stiller Has, Zürcher Folk-Melancholie von Black Sea Dahu und Ostschweizer Electro-Pop von Crimer: Reto Grossen hat angerichtet.

Wie gelingt einem das – ohne Subventionen, ohne Sponsoren? «Wenn die Künstler kommen, sind wir parat. Das ist die Good-Vibes-Philosophie. Bühne, Technik, Catering: Alles vorbereitet mit Herzblut. Wir sorgen für sie, mit Liebe zum Detail. Nach der Ankunft können sie erstmal ausatmen.» Klingt erstaunlich banal. Reto Grossen ergänzt:

«Viele in meinem Beruf suchen den Ruhm. Wollen sich profilieren. Aber man kann nicht nach den Früchten greifen ohne den Baum zu lieben, zu hegen. Mir geht es um die Musik.»

Er beschreibt die Szene vom letztjährigen Festival. Patent Ochsner steht auf der Bühne, Büne Hueber singt den Evergreen «Scharlachrot»: «Dr Mond isch es wiises runds Loch» lautet eine Strophe – und just da geht der Vollmond über Frutigen auf. «Da passiert etwas. Etwas, das alle Menschen dort in diesem Augenblick verbindet. Und du bist die Schaltzentrale. Die das überhaupt erst möglich macht. Der Ort, an dem die Fäden zusammenlaufen.» Reto Grossen sinniert über seinen Beruf, besser: seine Berufung.

Büne Hueber, mittlerweile ein persönlicher Freund von Grossen, huldigte dessen Arbeit mit einer Laudatio am letztjährigen Kanderkultur-Festival.

 

Reto Grossen sieht sich als Brückenbauer. Er baut Brücken: Von der SVP – die Gemeinde ehrte ihn letztes Jahr für seine Arbeit im Kulturbereich – über die Freikirchen – Mitgliederinnen der evangelisch methodistische Kirche erlebten den Vollmond-Moment beim Patent Ochsner Konzert als freiwillige Helferinnen – und zurück.

In der Badi Frutigen fand das letztjährige Kanderkultur-Festival statt. Nebenan, auf der Terrasse der «Badi Lounge» das diesjährige. Coronabedingt in kleinerem Rahmen und auf verschiedene Daten verteilt. Mehr denn je gilt: Alle sind sie willkommen. Kleinkünstlerinnen und Grossräte, Jungschärlerinnen und Alt-68er. Dass das heute möglich ist, hat Reto Grossen nicht zuletzt sich selbst zu verdanken.

 

*Videosequenzen Kanderkultur-Festival 2019: Patrick Liechti

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