Am 3. Juni erscheint Bettina Oberlis neuer Film «Wanda, mein Wunder». Die Regisseurin greift darin gesellschaftliche Entwicklungen auf und lässt Gegensätze in einer Villa am Zürichsee aufeinanderprallen. Ein Gespräch über einsame Heldinnen, fruchtbare Zerstörungswut und Vergänglichkeit.
Von Pascal Müller (Text, Bild und Video)

Busweise treffen die polnischen Frauen ein. Sie singen volkstümliche Lieder, und während die Klänge im Kopf des Zuschauers nachhallen, umsorgt Wanda bereits den Patriarchen Josef Wegmeister-Gloor, der nach einem Schlaganfall rund um die Uhr Betreuung braucht. «Wanda, mein Wunder», die Geschichte einer jungen Polin, die als Pflegehilfe kommt und am Zürichsee Teil einer Schweizer Familie wird, ist ab dem 3. Juni in den Kinos zu sehen.
Der Film
Es sind vielfältige Herausforderungen, die Wanda zu bewältigen hat. Sie soll sich nicht nur um den bettlägerigen Vater kümmern, sondern auch um den Haushalt. Und wenn der Mann nachts ruft, dann schläft die junge Polin für zusätzliches Geld mit dem Siebzigjährigen. Bettina Oberlis neuester Film ist ein berührender Beitrag zu einer pulsierenden Debatte. Und er streift existenzielle Fragen – Wanda wird ungewollt schwanger und verschärft damit die Spannungen innerhalb der Zürcher Unternehmerfamilie.
Die Regisseurin
Der Zürcher Rieterpark an einem sonnigen Tag Ende Mai. Sanft abfallende Grasflächen, zwitschernde Vögel, Kastanienbäume und Kieswege. Bettina Oberli lebt gleich in der Nähe. In den Rieterpark kommt die Schweizer Regisseurin, wenn sie frische Luft braucht. Gerade läuft ihr Film «Wanda, mein Wunder» in verschiedenen Ländern an und sie arbeitet an einer Fernseh-Serie, die im Herbst gedreht werden soll. Das bedeutet Besprechungen mit ihren deutschen Produzenten, Besprechungen mit den Autoren, Zoom-Calls nach San Francisco – Bettina Oberlis Tage derzeit sind durchgetaktet wie Schweizer Zugfahrpläne.
Frau Oberli, wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor?
Bettina Oberli: Den stelle ich mir überhaupt nicht vor. Ich bin so mittendrin gerade, dazu kommen zwei halbwüchsige Kinder – nein, der Lebensabend ist für mich kein Thema.
Also arbeiten bis siebzig und dann einen Schlaganfall erleiden vor Erschöpfung?
Keine Ahnung – ich stelle es mir schlicht nicht vor. Dass die Energie weg ist oder die Lust – das liegt ausserhalb meines Vorstellungsvermögens.
Ihr neuester Film «Wanda, mein Wunder» dreht sich um den Lebensabend eines wohlhabenden Unternehmers. Gleichzeitig beleuchten sie das Schicksal einer jungen Polin, die ihn zu Hause pflegt. Worum ging es Ihnen mit dem Film?
Bereits Max Frisch sagte, damals in Bezug auf die Italiener: «Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.» Man wollte profitieren von den Arbeitern. Und merkte plötzlich, dass damit Existenzen verbunden waren – dass die Leute ihre Familien ins Land holen wollten. Frauen wie Wanda verzichten auf ihr eigenes Leben. Sie haben selbst Kinder und Eltern – und verbringen gleichzeitig einen Grossteil ihres Daseins in einer fremden Familie. Sie bezahlen einen hohen Preis. Diese Ausgangslage interessierte mich.
Trotz der widrigen Umstände: Wanda schwingt sich zur Heldin des Films empor.
«Wanda, mein Wunder» ist die Geschichte einer Frau, die immer fremdbestimmt war. Von den Umständen oder von anderen Personen. Mir war sehr wichtig, dass Wanda stolz ist. Stolz und selbstbewusst. Durch die Turbulenzen innerhalb der Familie und die Wandlung von Mutter Elsa gelangt Wanda schlussendlich zum Punkt, an dem sie zum ersten Mal selbst entscheiden kann – ob sie bleiben oder gehen will.

Mutter Elsa, Vater Josef, die Tochter Sophie: Sie alle sind sehr einsam – und Wanda ist weit weg von ihrer richtigen Familie.
Es sind sehr einsame Figuren, ja. Komik ist dann manchmal der einzige Weg, um eine tragische Situation aufzulösen. Das Tragikomische war mir wichtig. Ich wollte kein Sozialdrama machen und ein Phänomen so zeigen, wie man es sich ohnehin vorstellt. Ich, als Schweizerin, wollte aus meiner Position über uns erzählen. Darüber, wie wir mit einer solchen Situation umgehen.
Nun ist es ein Familiendrama geworden.
Familie ist ein sehr interessantes Thema. Ein Mikrokosmos, in dem man sehr viel darüber lernen kann, wie Beziehungen funktionieren. Familie bedeutet grösste Geborgenheit und grösste Einengung zugleich.
In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» im Vorfeld des Zurich Film Festivals sagten Sie, Sie erzählten von Familien, in denen gelogen und betrogen wird, um eine Ahnung davon zu erhalten, wie eine Familie funktionieren kann.
Familie ist per se Chaos. Ein Kind zu erhalten, heisst, eine Beziehung zu erhalten – eine, die sich ein Leben lang verändert. Daran kann man wachsen. Oder verzweifeln. In jedem Fall aber ist es ein lehrreicher Prozess.

Was sind Ihre Erkenntnisse aus «Wanda, mein Wunder»?
Ich habe verstanden, dass man sich näherkommen kann, indem man sich zuerst entfernt. Es ist ein Film über das gegenseitige Annähern. Obwohl alle eine Zeit lang stark auseinanderdriften – am Schluss ist dies vielleicht der einzige Weg, um sich wieder zu finden. Bei einem Film weisst du erst, wenn er fertig ist, um was es genau geht. Das Drehbuch ist ein Versprechen, der Entstehungsprozess aber ein unkontrollierbares Element – und das ist toll.
Es klingt etwas abstrakt, wenn Sie sagen, man müsse sich voneinander entfernen, um sich näherzukommen. Können Sie das konkretisieren?
Irgendwann hat man im Film das Gefühl, dass die Familie zerbricht. Alle wollen sich scheiden lassen oder abhauen. Sie zerstören das, was ihnen eigentlich am liebsten ist. Eine regelrechte Zerstörungswut. Und wahrscheinlich ist das nötig, damit am Schluss etwas Neues entstehen kann. Die Idee der Familie war, sich auf angenehme Weise von den unangenehmen Seiten des Älterwerdens zu befreien. Dafür holten sie sich Hilfe in Form von Wanda. Und Wanda hat tatsächlich geholfen – einfach anders, als sich die Familie das ursprünglich gedacht hatte.
Der Film ist in drei Kapitel gegliedert, sie alle werden von Leitmotiven getragen. Das dritte dreht sich um Leben und Tod. Der alte Mann stirbt, und man fragt sich, was er hinterlässt. Was bleibt, wenn wir sterben?
Hoffentlich ein paar Erinnerungen – bei den Menschen, die uns umgeben. Irgendwann lösen aber auch sie sich auf.
Von Ihrem künstlerischen Schaffen bleibt nichts?
Ich weiss es nicht. Das ist das Schöne am Theater: Man probt, führt das Stück auf, und irgendwann gibt es die Inszenierung nicht mehr. Beim Film ist das anders.
Ein Film überdauert, unsere Ururenkel können ihn noch schauen. Sie aber fasziniert das Vergängliche?
Irgendwann müssen wir akzeptieren, dass alles vergänglich ist. Sonst verzweifeln wir. Das ist wahrscheinlich die grösste Aufgabe von uns Menschen. Dies zu verstehen und nicht daran zugrunde zu gehen. Beim Filmemachen ist es natürlich wichtig, dass am Schluss ein Endprodukt steht, etwas, das man den Menschen geben kann. Aber mindestens so schön ist für mich der Prozess des Herstellens.

Kämpfen Sie gegen die Vergänglichkeit an oder umarmen Sie sie?
Einen Film zu drehen, bedeutet den Versuch, etwas festzuhalten. Zu sagen, ich kämpfte gegen die Vergänglichkeit an, fände ich etwas grossspurig. Wenn einer meiner Filme bei jemandem anklingt, sich eine Welt öffnet, die sonst verschlossen bliebe – dann ist schon viel erreicht. Aber ich bin nicht Präsidentin, Nobelpreisträgerin oder Impfstoffforscherin.
Wären Sie lieber Impfstoffforscherin?
Nein, aber ich hege eine grosse Bewunderung für Wissenschaftler. Faszinierend, wie man sein Leben einer einzigen Formel, einem Durchbruch auf einem bestimmten Gebiet widmen kann. Wobei es bei mir letztlich nicht unähnlich ist. Wenn ich schreibe oder neue Projekte entwickle, denke ich permanent daran und setze mich permanent damit auseinander.
Wie lautet die Formel, die Bettina Oberli in ihrem Leben knacken will?
Herauszufinden, wie ich eine Geschichte erzählen kann, damit sie die grösste Wirkung hat. Dramaturgisch, mit welcher Besetzung, mit welcher Inszenierung – Bilder, Musik, Schnitt –, das sind die verschiedenen Elemente, die bestimmen, wie gross die Resonanz ist, die der Film auslöst.

À propos Naturwissenschaften und Impfstoffforscherinnen: Ihr Film war bereits vor der Pandemie fertig, der Kinostart verschob sich aber nach hinten. Hat Corona die Themen im Film zusätzlich aufgeladen?
Sicher. Frauen wie Wanda waren teilweise in unmöglichen Situationen. Die Grenzen waren zu, sie konnten nicht mehr nach Hause – oder nicht mehr arbeiten. Je nach Absicherung verdienten sie überhaupt kein Geld mehr. Hinzu kam, dass Corona wie eine Lupe wirkte – Isolation, Quarantäne, ganz generell verbrachten wir mehr Zeit zu Hause – und Probleme oder festgefahrene Strukturen sichtbar werden liess. Ich glaube, vielerorts prallten Menschen aufeinander, konnten sich nicht mehr aus dem Weg. Bezüglich der Ausgangslage und der Figuren machten wir uns ähnliche Gedanken: Sie sind gewissermassen auf einer Insel, die Geschichte ist aber örtlich nicht stark verankert, sie könnte überall spielen. Wir haben uns bewusst auf einen Drehort konzentriert, wollten Dichte auf engem Raum.
Die Corona-Pandemie rückte die Bedeutung der Pflege in unser gesellschaftliches Bewusstsein, gleichzeitig weisen Pflegefachkräfte auf die seit Jahren prekären Arbeitsbedingungen hin. Sie sind frustriert, sagen, ihre Forderungen würden nicht gehört. Nehmen wir Ihre These, wonach man sich voneinander entfernen muss, um wieder zueinander zu finden: Haben wir uns nun – nach 15 Monaten Pandemie – genug auseinandergelebt, um einen Neubeginn realisieren zu können?
Ich mache mir diesbezüglich wenig Illusionen. Die sozialen Berufe werden häufig von Frauen ausgeübt. Lehrer, Jugendarbeiterinnen oder Pfleger leisten eine immens wichtige Aufgabe für unsere Gesellschaft. Dennoch erfahren sie im Vergleich mit anderen Berufsgruppen wenig konkrete Anerkennung – nicht zuletzt finanziell. Ich bin gespannt, was bleiben wird von diesem in der Pandemie erstarkten Solidaritätsgedanken, wonach diese Arbeit stärker honoriert werden muss. Und ich bin gespannt, ob wir es schaffen, diese Gedanken mitzunehmen in die neue Zeit.
Zur Person: |
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Bettina Oberli (49) verbrachte ihre ersten Lebensjahre in Samoa, wo ihr Vater als Chirurg in einem lokalen Spital arbeitete. Mit fünf Jahren zog die Familie nach Meiringen im Berner Oberland. Bettina Oberli absolvierte das Lehrerseminar in Bern, bevor sie sich 1995 an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (heute: Zürcher Hochschule der Künste ZHDK) für ein Filmstudium einschrieb. Im Jahr 2000 erwarb sie ihr Diplom als Filmregisseurin und zählt heute zu den bedeutendsten Schweizer Filmschaffenden. Ihre Filme sind mehrfach preisgekrönt, die Tragikomödie «Die Herbstzeitlosen» (2006) belegt mit über einer halben Million verkaufter Eintritte Platz zwei auf der ewigen Bestenliste des Schweizer Kinos. 2013 zeigte Bettina Oberli am Theater Basel mit «Anna Karenina» ihre erste Bühnen-Inszenierung. Oberli ist verheiratet, sie lebt mit dem französisch-schweizerischen Kameramann Stéphane Kuthy und ihren zwei Kindern in Zürich |