Hoch über dem Gelmersee liegt die Gelmerhütte, die Heimat von Hüttenwart Peter Schläppi. Seit einem Jahrzehnt führt der Guttanner mit seinem Team SAC-Hütte auf 2’412 Metern über Meer. Zu Besuch an einem Ort, wo schroffe Felsen in den Himmel ragen – und unterschiedlichste Menschen aufeinandertreffen.

Von Pascal Müller

Die Gelmerhütte liegt auf einem kleinen Plateau im Grimselgebiet. Rund zwei Stunden benötigt, wer von der Bergstation der Gelmerbahn aufsteigt, etwas mehr, wer in Chüenzentennlen losmarschiert. Schroff und mächtig ragen das kleine und das grosse Gelmerhorn im Westen empor – ein Gebirgsgrat wie die Fratze eines Ur-Raubtiers –, im Nordosten das Diechterhorn, im Nordwesten das Ofenhoren. Weit unten im Tal plätschert die Aare noch jung, weiter oben ruhen die Schneefelder des Diechter- und des Triftgletschers. Hineingewürfelt in die raue Felslandschaft, unterscheidet sich die Gelmerhütte farblich kaum von ihrer Umgebung.

Handgemacht und himmlisch

Wer eintritt in den Steinbau aus dem Jahr 1926, der findet Erlösung – Erlösung von den Strapazen und vom schweren Gepäck oder zumindest Erholung. Handgemachte Rösti, himmlischer Kuchen und das leise Rauschen des Diechterbaches zum Einschlafen. So weit, so himmlisch – die Gelmerhütte ist eine Oase inmitten einer kargen Felslandschaft. Doch was macht ihn aus, den Charme der SAC-Hütte, von deren Terrasse aus man den Gelmersee glitzern sieht?

Der glitzernde Gelmersee von oben.
Morgenstimmung bei der Gelmerhütte und ein Foto fürs Album.

«Wer hier ist, hat Ferien», sagt Peter Schläppi. Er sitzt auf der Holzbank und blickt über die Talsohle. Neben der Terrasse eine Familie, der Vater öffnet zischend ein Bier, die Kinder liegen im Gras, die Frau im Liegestuhl. Er lächelt. «Sie sind nicht so gestresst hier oben – und das macht es auch für uns angenehmer.»

Peter Schläppi, Hüttenwart und Bergführer, lebt zu einem Teil mit seiner Familie in Meiringen und zu einem Teil in der Gelmerhütte.
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Hüttenhilfe Patrizia absolviert bereits ihren zweiten Sommer in der Gelmerhütte.
Hüttencharme

Es ist ein eigentümlicher Charme, den die SAC-Hütte verströmt. Ein Hauch Sonnencrème, Wandersocken, Bergschuhe – Hüttenfinken. Der Duft von Holz im Innern. Die Leute sind verschwitzt, manche haben einen Abdruck von der Sonnenbrille um die Augen, aber hier oben trägt man so etwas mit Stolz. «Jeder, der hier raufkommt, muss laufen», sagt Hüttenwart Schläppi. «Und jeder macht den gleichen Weg, den gleichen Aufstieg. Manche haben länger, manche weniger lang. Alle sind gleich angezogen. Die Leute kommen – und du hast keine Ahnung, was sie beruflich machen oder wer sie sind. Ob einer Sanitärmonteur ist, ob eine im Spital arbeitet oder eine Anwaltskanzlei führt. Du hast keine Ahnung. Alle sehen gleich aus – und das ist wunderschön. Dann nimmt man die Leute so, wie sie sind.»

Die Statussymbole sind weg, «hier ist alles ein wenig ‚gleicher’», sagt Schläppi. Es ist eng, beim Nachtessen sitzt man Schulter an Schulter, auf Schemeln, der fremde Tischnachbar reicht die Schüssel mit den Spaghetti, der Sauce und später dem Reibkäse. Und wenn etwas übrigbleibt, dauert es keine fünf Minuten und die Frau vom Tisch hinten links kommt und fragt, ob man das noch esse – sonst nehme sie es an ihren Tisch – und man fragt sich, wie weit die Gruppe gelaufen ist, um einen solchen Hunger zu haben.

Die karge Landschaft bietet liebliche Bäche – und spektakuläre Wasserfälle.

«Du musst die Gäste gernhaben, musst gerne Menschen um dich haben.» Peter Schläppi spricht mit ruhiger Stimme, besonnen. Er ist mit der Gelmerhütte aufgewachsen, war schon als Kind hier. Vor zehn Jahren hat er die Hütte von seinen Eltern übernommen, die ihn immer noch unterstützen und mitverantwortlich sind dafür, dass er die Arbeit nebst seinem Bergführer-Pensum stemmen kann. Die Hütte und die Berge, die sie umgeben, sie sind seine Welt. Vielleicht auch, weil in der Höhe die Unterschiede aus dem Tal verwischen und verblassen.

«Es ist eine raue Landschaft», sagt Hüttenwart Schläppi. Nebelschwaden und Wolken über den Gelmerhörnern.

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