Ursina Zesiger beurteilte die vergangenen Murgänge in Sigriswil als Expertin. Im Gespräch erklärt sie, wie sich in einem Hang Risse bilden können, welche Gefahren dies mit sich bringt und welche Gebiete besonders anfällig sind.
Von Pascal Müller

Ursina Zesiger ist diplomierte Geomorphologin. Sie ist Fachbereichsleiterin Naturgefahren bei der Kellerhals und Haefeli AG, einem Geologiebüro mit Sitz in Bern und Luzern. Sie und ihr Team überwachen Felsbewegungen, so zum Beispiel rund um die BLS-Strecke Frutigen – Kandersteg, sie erstellen Ereignisanalysen und übernehmen die Gefahrenbeurteilung im Feld und sie sind ebenfalls zuständig für die Evaluation und Planung von Schutzmassnahmen.

Frau Zesiger, Wie beurteilen Sie den Hangrutsch auf der Alp Tröler?
Ursina Zesiger: Das Ereignis betrifft einen Hang, der schon vorher als Rutschgebiet bekannt war. 2013 gab es dort bereits eine grössere Hangmure, circa 8000 Kubikmeter Masse lösten sich damals und flossen als Hangmure teils bis in den Bach. Vor Ort sind verschiedene Anzeichen erkennbar, die zeigen, dass im Hang Rutschbewegungen stattfinden. Beim jetzigen Ereignis bildete sich eine grosse Abrisskante, die bis an die Alphütte reicht. In der steileren Front des grossen Rutschbereiches löste sich – etwas südlich an die Hangmure von 2013 anschliessend – erneut eine Hangmure, welche bis in den flacheren Hangfussbereich floss. Die Rutschung stellt ein grosses Ereignis dar, in einem Hang, bei dem bereits verschiedene Anzeichen von früheren Rutschungen vorhanden sind.
Wie bemerken Sie diese Anzeichen für Rutschbewegungen konkret?
Die Ausbruchsnische von 2013 ist nach wie vor sehr gut ersichtlich [siehe Luftbild], da sie noch nicht verwachsen ist. Zudem gibt es in anderen Bereichen verwachsene Ausbruchsnischen, wo man erkennt, dass hier bereits früher Bewegungen stattgefunden haben.
Was passiert bei einem solchen Ereignis im Untergrund?
Vermutlich besteht im Gebiet der Alp Tröler im Untergrund eine undurchlässige Felsschicht – wahrscheinlich eine Mergelschicht –, die das Wasser staut. Das führt dazu, dass die aufliegende Moräne sehr stark durchnässt wird, und ab einer bestimmten Durchnässung kann dies zu Bewegungen führen. Dann fängt der Hang an zu rutschen.
Ein Bereich des Erdrutsches deckten Sie als Sofortmassnahme mit Plastikplanen ab. Zu welchem Zweck?
Die Idee dieser Sofortmassnahmen ist, dass möglichst kein weiteres Oberflächen- oder Niederschlagswasser in die Rutschmasse eindringt. Das Wasser, das im Untergrund zufliesst, bringen wir nicht weg, da können wir im Moment nichts tun. Hätten wir die offenen Anrisse nicht abgedeckt, so würde Niederschlagswasser ungehindert direkt in die Rutschmasse gelangen, was die Bewegung und damit die Gefahr weiter erhöhen würde. Zudem wird man bei der Zufahrtsstrasse das Oberflächenwasser der Strasse mit Teerwülsten umleiten – sodass es nicht in die Rutschmasse fliesst.


Die Feuerwehr befürchtete, die Erdmasse könnten den Huetgraben – der Bach mündet in der Zulg – rückstauen. Bei einem eventuellen Durchbruch würde dies dann Gefahr bis nach Steffisburg bedeuten. Wie beurteilen Sie diese Situation?
Beim aktuellen Ereignis gab es kein Material, das bis zum Bach herunterkam. 2013 gelangte ein Teil des Hangmuren-Materials bis in den Bach, was zu einem kleinen Aufstau führte. Grundsätzlich besteht also diese Möglichkeit. Bei den nächsten Niederschlägen wird sich zeigen, wie sich die Situation entwickelt. Die abgedeckten Anrisse sollen jedoch helfen, die Masse – wenn möglich – einigermassen stabil halten zu können und einen grösseren Ausbruch mit einem möglichen Bachrückstau zu verhindern. Denn durch einen solchen Rückstau könnte es im Falle eines Durchbruchs einen erhöhten Geschiebetransport geben, was weiter talwärts zu Problemen führen könnte.

Die langanhaltenden Regenfälle der letzten Wochen werden nicht nur in Sigriswil zum Problem. Diese dürften auch in anderen Regionen zu prekären Verhältnissen führen.
Das ist so, ja. Ende Juni, Anfang Juli gab es starke Gewitter und im Juli folgten bis vor einigen Tagen immer wieder Starkniederschläge, die zu einer starken Durchnässung des Untergrunds führten. Bei Rutschungen ist Wasser der treibende Faktor. Je stärker ein Bereich bereits durchnässt ist, desto weniger zusätzlichen Niederschlag braucht es, dass ein Ereignis ausgelöst werden kann. Wir wissen von weiteren Ereignissen im Emmental und im Bereich der Gürbe, die wir analysieren werden. Dort haben sich ebenfalls Rutschungen reaktiviert beziehungsweise gelöst.
In Bezug aufs Berner Oberland: Gibt es bestimmte Gebiete, die besonders gefährdet sind?
Wir haben keine bestimmten Gebiete vor Augen. In jenen Gebieten, die von der Geologie her ungünstig beschaffen sind, gibt es prädestinierte Bereiche, die rutschen können. Ähnliches gilt für steile Gebiete, wo sich Hangmuren lösen können. Das kann aber an sehr vielen Orten passieren.

Welches sind konkret die Gebiete, die von der geologischen Struktur her besonders anfällig sind für Erdrutsche – und warum?
Die Alp Tröler ist beispielhaft: Im Untergrund besteht eine wasserundurchlässige Mergelschicht, die das Wasser staut, die aufliegende Lockergesteinsbedeckung ist damit prädestiniert, um abzurutschen. Wenn im Untergrund zudem Quellen vorhanden sind, die Wasser ins Lockergestein führen, entsteht dadurch natürlich auch eine stärkere Durchnässung. Dadurch ist ein schnelleres Abrutschen möglich.


Muss man jetzt besonders vorsichtig sein – als Spaziergängerin, als Wanderer, als Biker?
Eine gewisse Vorsicht ist sicher gut. Seit ein paar Tagen haben wir trockene Verhältnisse, die voraussichtlich andauern. Das wird zu einer weiteren Abtrocknung führen, und insgesamt dürfte sich somit die Situation entschärfen.
Was ist, wenns wieder regnet?
Das ist aktuell schwierig zu sagen. Je nach Region ist es unterschiedlich, wie schnell die Böden trocknen. Zudem muss es bis in eine bestimmte Tiefe trockener werden und nicht nur im obersten Bereich.