Hip-Hop, ein Mix von Latin über Balkan bis Folk und Electro-Pop: Der Spätsommer im Kandertal verspricht «Good Vibes» und Ausgelassenheit. Die Pandemie umschifft die Crew um Reto Grossen – so gut es eben geht – im «sicheren Rettungsboot».
Von Pascal Müller

Es sind nicht gerade goldene Zeiten – für Festivalgänger nicht und ebenso wenig für Eventveranstalter. Doch der Verein Kanderkultur hat auch in diesem Sommer einige Perlen des Schweizer Musikschaffens ins Tal geholt. Am Samstag legen die Rapper von Chlyklass los, ihnen folgen Troubas Kater und Crimer im September.
«Die Patent Ochsner des Hip-Hop»
Ebenfalls im September lanciert Lokalmatador Trummer einen speziellen Abend. In einer exklusiven Begegnung trifft er auf das spanische Saxofon-Quartett Kebyart Ensemble. Gemeinsam spielen sie Songs aus Trummers letzten beiden Alben, ergänzt durch je einen eigenen Teil der Formationen. Zudem bietet Kander Kultur jungen Musikschülern eine Bühne, sie werden mit der Vorband «Flash» auftreten. Ihre Auftritte haben sie sich durch die Teilnahme am Intensivförderprogramm Musik der Musikschulen Berner Oberland (IFM) erarbeitet. Für dieses Konzert spannte Kander Kultur mit dem Swiss Chambers Music Festival zusammen.

Der Organisator der Sommerkonzerte im Kandertal freut sich auf die hochkarätigen Acts. «Chlyklass sind für mich so was wie die Patent Ochsner des Hip-Hop», sagt Organisator Reto Grossen. Und das Crimer Konzert musste er bereits zweimal verschieben, bevor es nun endlich stattfinden kann. Alles rosig also im Kandertal?
In Skischuhen gegen Real Madrid
Reto Grossen ist ein waschechter Frutiger. Neugierde und die Liebe zur Musik haben ihn durch die Konzertsäle der Schweiz getrieben, der Wille, die Heimat nicht veröden zu lassen, haben ihn zurückgebracht. Seit Jahren engagiert er sich für sein Herzensprojekt, den Kulturverein Kandertal, hat weder Sponsoren noch Subventionen, die ihn stützen. Lohn zahlt er sich keinen aus, wie er sagt, er verdient sein Geld als DJ auf Hochzeiten oder am Seaside Festival. Doch Kultur an der Peripherie – so einfach ist das nicht. «Es ist in etwa so, wie wenn YB gegen Real Madrid spielt», sagt Fussballfan Grossen. «Und nun mit der Pandemie ist es so, als würde YB zusätzlich einen Taucheranzug und Skischuhe tragen.»

Mit seinem Verein, der sich über weite Strecken selbst finanziert und von Mitgliederbeiträgen und Spenden getragen wird, steht er immer auch im Wettbewerb mit den Schwergewichten der Musikbranche – alle buhlen sie um den anspruchsvollen Gast. Die Ausgangslage, sie ist auch selbst gewählt, die Pandemie aber verunmöglicht ihm eine anständige Planung. Eine gewisse Müdigkeit sei denn auch spürbar, sagt Reto Grossen.

Spannungen
Vor Corona trugen die Partys zur Existenzsicherung des Vereins bei, dieses Standbein fällt nun weg, weil die Partys unter den aktuellen Umständen nicht rentabel veranstaltet werden können. Kommt hinzu, dass sich Grossen als Eventorganisator plötzlich ungewollt politischen und gesellschaftlichen Spannungen ausgesetzt sieht. Die Zertifikat-Frage werde von den Leuten kritisch beäugt, sagt Grossen. Und egal, für welchen Weg er sich entscheide, «eines der beiden Lager ist unzufrieden». «Mir macht das Sorgen», sagt Grossen, der die Leute zusammenbringen will, ihnen Ausgelassenheit ermöglichen will. Und: «Auf dem Land brauche ich alle. Wenn ein Teil des Publikums plötzlich wegfällt, ist das schwierig für uns.»
Kander Kultur hat sich für den Weg ohne Einschränkungen entschieden. Für den Besuch der Veranstaltungen brauchts kein Zertifikat. Maximal 400 Personen sind zugelassen, die Konzerte finden draussen statt, einzig drinnen brauchts eine Maske.

Im Rettungsboot
Doch trotz der gegenwärtigen Turbulenzen am Himmel über der Event-Landschaft: Die Freude und die Zuversicht sind Grossen nicht abhandengekommen. Für den nächsten Sommer prognostiziert er zwar das «absolute Event-Overkill-Fiasko», da viele Veranstaltungen nachgeholt oder jetzt endlich durchgeführt werden – komme hinzu, dass fraglich sei, ob die Leute zu gleicher Zahl an Konzerte strömen –, als kleiner unsubventionierter Verein hätten er und sein Team aber schon immer einen Plan B haben müssen. Oder wie es Reto Grossen ausdrückt: «Ich komme mir vor wie ein Zuschauer – und ich schaue zu, wie 50 Kreuzfahrtschiffe in einem Hafen anlegen wollen, der Platz für zehn bietet. Wir aber, wir sind in einem kleinen Rettungsboot, das all das umkurven kann. Ich glaube, wir sind sehr krisenresistent.»