Den Alltag, die Sorgen, die Welt – loslassen, wegtanzen, vergessen: Am Samstagabend fegt die Electro-Band Klischée wie ein Sommergewitter über die Bühne am Kanderkultur-Festival. Ein Tanz auf dem Hochseil im Corona-Herbst. Vielmehr noch: eine pulsierende Liebesbotschaft ans Leben.
Text, Bild, Video: Pascal Müller

Plötzlich krachen Trommelschläge. Scheinwerfer blitzen, die ersten Bässe donnern heran. Der elektronische Klischée-Blitz schlägt mitten in die Terrasse der Badi Lounge, das Publikum brennt. Eine der Besucherinnen ist Annina. Sie tanzt, ihre blonden Locken wirbeln eine eigene Choreografie in die Luft. Sie wirft ihren Oberkörper zurück, tippt mit ihren Fussspitzen den Boden an, zieht sie zurück. Annina ist zweiundzwanzig, aus Frutigen. Sie sagt, wenn sie tanze, vergesse sie die Welt um sich herum.

Mit ihr rund 250 andere. Vorne bei der Bühne hüpft einer wie ein Gumpiball, hinten gleitet ein anderer über den Betonboden und zuckt wie James Brown. Hauptverantwortlich für die kollektive Ekstase: William Bejedi. Er ist das Gesicht der Band, deren Wucht durch das Zusammenspiel von Licht, Visuals und Akustik entsteht.
William erzählt vom Konzert in Basel vor einer Woche: ein Auftritt vor Masken. In Frutigen ist er umso glücklicher: «Es ist wunderschön, eure Gesichter zu sehen», sagt er zum Publikum. Seine Freude versucht er gar nicht erst im Zaum zu halten. Er steigt hinab zu den Tanzfreudigen, sie singen mit ihm: «What is love, baby don’t hurt me, don’t hurt me, no more».
Sänger William sagt: «Es ist eine simple Gleichung: So viel Energie, wie du reinsteckst, so viel kommt zurück. Das hat bis jetzt in China funktioniert, in England, in der Schweiz – egal wo. Weil es ehrlich ist. Die Leute sehen eine Band auf der Bühne, die ohne zu kalkulieren das tut, was sie am liebsten macht. Miteinander Musik machen, eine gute Zeit haben. Und meistens ist das ansteckend.»
Authentizität ist ein wichtiger Faktor des Klischée-Grooves. Sie sind fünf Freunde. Sieben mit den beiden Technikern für Licht und Ton.

Als ein Ausbrechen beschreibt William ihre Shows. «Unter der Woche bin ich Familienvater, Mitarbeiter in irgendeinem Job – am Wochenende kann ich auf der Bühne Dampf ablassen. Und diese gute Zeit mit den Leuten im Publikum teilen. Das ist das Privileg, das ich habe.» Ob er sich selbst vergisst, wenn er auf der Bühne steht?
«Schon ein wenig, ja», sagt der Frontmann. «Du kannst dich nicht komplett vergessen, weil du Texte bringen musst, Showeinlagen. Aber die sind einstudiert, im Kopf drin. Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel: Sich vergessen – zurückkommen – sich wieder vergessen. Und aufs Publikum eingehen.» Seine Energie, befeuert von einem virtuosen Saxofonisten, Synthesizer und Drumbeats, reisst am Samstagabend mit.

Annina, sie ist, kaum ist das Konzert zu Ende, auf der Tanzfläche der Aftershowparty. Sie sagt, eigentlich sei Frutigen ein verklemmtes Dorf. Es sei schwierig, die Leute rauszuholen. Geschweige denn zum Tanzen zu bringen.
Nicht so an diesem Abend.