Liam Maye hat die Zeit im Frühjahr genutzt. Als die Welt still stand, schrieb er neue Songs, entwickelte seinen Stil weiter. Am Freitag ist seine neue EP «Puppy Love Radio» erschienen. Nun ist er als Musiker wieder im Lockdown. Er macht einfach weiter.
Fotos, Text, Video: Pascal Müller
Hünibach im vergangenen März, Simonetta Sommaruga hat soeben den Lockdown verkündet. Liam Maye packt nur das Nötigste – Laptop, Gitarre, ein paar Bücher. Bald schon ist er in Adelboden, er kennt den Weg. Geradeaus durchs Dorf, den Hang hinauf bis zur Wegscheide am Ende des Dorfes. Dort steht das Haus seiner Grosseltern, dort will er bleiben.

Bern im Oktober, feuchte Luft weht Hygienemasken über den Asphalt. Unter dem Baldachin auf dem Bahnhofplatz sitzen Betrunkene auf Bänken, ein Radio scheppert, einer grölt mit. Am Nachmittag hat der Bundesrat verschärfte Massnahmen gegen die Pandemie beschlossen, ab Mitternacht sind sie in Kraft. Jetzt ist es dunkel, Menschen huschen vorbei, bemüht, möglichst rasch nach Hause zu kommen. Sonderbare Stimmung, sie nennen es nicht Lockdown, aber es ist quasi einer. Zumindest für Musiker. Im Sommer begann die Kultur zart wieder zu spriessen, jetzt im Herbst welkt sie vorschnell.
In einer Seitengasse gleich hinter dem Bahnhof liegt Liam Mayes Studio. Seine Haare sind länger geworden, mit einem Stirnband hält er sie zusammen. Im Sommer ist der 22-Jährige bei seinen Eltern ausgezogen. Er finanziert sich selber, steht auf eigenen Beinen. Bern statt Hünibach. Er hätte nach Berlin gewollt eigentlich, Weltstadt und so, aber dort ist ja jetzt auch alles zu. Er hätte am Gurtenfestival gespielt eigentlich – man könnte die Liste fortsetzen, Musikerträume platzen wie die Regentropfen, die jetzt auf dem Boden aufschlagen.

Sein Studio ist im zweiten Untergeschoss, wir nehmen die Treppe. Liam Maye wirkt nicht verbittert, das Gurtenfestival erwähnt er nicht einmal. Er ist glücklich über sein neues Studio. Die Hälfte der Woche jobbt er bei IKEA, sitzt an der Kasse, den Rest der Zeit verbringt er hier unten. Dicke Betonmauern, der Boden mit Teppich ausgelegt, eine Bassgitarre und eine akustische, ein Klavier und ein E-Piano, hinten in der Ecke ein Schlagzeug. Auf dem Tisch sein Laptop und zwei Lautsprecherboxen.

«Puppy Love Radio» heisst seine neue EP und sämtliches Equipment, das in diesem Raum steht, hat er dafür verwendet.
Seine Musik produziert er selbst. «Wenn ich Songs mache, bin ich auf verschiedenen Ebenen unterwegs, ich schreibe den Text und die Melodie gleichzeitig, nehme Musik auf und mische das alles ab.» «Puppy Love Radio» klingt anders als noch die Single «Crush», die er im Mai veröffentlicht hatte. «In den letzten Monaten habe ich jeden Tag zwei Alben gehört, neue Musik, die ich noch nicht kannte. Ich glaube, diese Einflüsse haben abgefärbt – letztlich versuche ich, meinen eigenen Sound zu finden.» Liam jongliert und spielt mit Wörtern, Sprechgesang über zügigen Beats, erinnert an Justin Timberlake mit dem wuchtigen Produzenten Timbaland im Rücken. Im Song «Outro» vertraut er einzig aufs Klavier und seine Stimme, die dadurch umso mehr zur Geltung kommt.
«Puppy Love Radio» ist die ehrliche Momentaufnahme des jungen Künstlers und seines Schaffens. Er durchdringt neue Genres, legt alte Hüllen und Etiketten ab. «Ich versuche, so viel zu arbeiten wie noch nie – dadurch, dass so viel abgesagt wurde, habe ich Zeit zum Schreiben, zum Produzieren. Darauf freue ich mich.»
Die Ruhe im Oberland
Im Chalet seiner Grosseltern in Adelboden blieb er bis Anfang Juni. Als er ankam war es kalt, später schneite es. Liam war weg, es gab keine Tagesstruktur, an der er sich festhalten konnte, keine Termine, niemand kam unangekündigt. Am Abend beantwortete er Mails, sein einziger Fixpunkt. Liam hörte Musik, schrieb, recherchierte, blieb wach bis vier Uhr morgens, weil dann die Live-Sessions der grossen amerikanischen Labels begannen. Er fragte via Instagram an und wenn sie ihn annahmen, sang er vor.
Die Zeit im Chalet, nun der erneute (Quasi-)Lockdown und die Absagen von Konzerten haben Liam Maye geprägt. Er hat nachgedacht, viel nachgedacht. Und poetische Songtexte geschrieben. Er sinniert darüber, ob «Puppy Love», also jugendliche Liebe, reiner oder ehrlicher ist als die Liebe, die er jetzt verspürt, als junger Erwachsener. Zugleich ist der Song «Puppy Love» eine Art musikalisches Bindeglied zwischen dem alten Liam Maye und dem jetzigen.
Er sagt, er hoffe, den Austausch mit anderen Musikern nicht zu verlieren. Trotz Corona-Pandemie. Er bemüht sich darum, manchmal trifft er andere Musiker persönlich, sonst virtuell.
Auf die Frage nach seinem kreativen Prozess, was ihn beschäftigt, was ihn inspiriert, beginnt Liam zu lachen. «Wenn du mir diese Frage zwölf Mal stellst, erhältst du vermutlich zwölf Mal eine andere Antwort. Jetzt gerade bin ich extrem kreativ, viel am Produzieren, ich habe noch kein Loch gehabt, seit ungefähr zwei Monaten. Und das nur, weil ich vor zwei Monaten einen Song abgeschlossen habe. Wohl funktioniert es für mich am besten, wenn ich Dinge fertig mache und mich dann neuen Projekten widme.»
Dass der Welt die Konstanz fehle, gebe ihm irgendwie auch Halt, sagt Liam. Alle sind betroffen. Er macht einfach weiter.