Stacheldraht und Überwachungskameras, Einbrecher und Mörder. Der Frutiger Simon J. arbeitet dort, wo andere Menschen eingesperrt sind.

Von Pascal Müller (Text, Fotos und Video)
Ein Hauch von Thun: Durch die Fenster im Spazierhof des Regionalgefängnisses sind gerade mal die Spitzen der Hochhäuser ersichtlich.
Manchmal beginnen die Arbeitstage früh. Dann steht Simon J.* um halb acht im Regionalgefängnis Thun und macht sich bereit für den ersten Rundgang des Tages. Gegessen hat er noch nichts, bis am Mittag trinkt er höchstens einen Kaffee. An den einen Rundgang, er liegt noch nicht lange zurück, erinnert er sich. Simon J. klopft an die Türen, öffnet die Zellen. Ein Häftling in der Jugendabteilung, er ist 17, fällt Simon J. auf: Er hat mit einem zerschlissenen T-Shirt Arme und Gesicht verbunden, an seiner Backe klebt Blut.
Selbstverletzung

Simon J. weiss, worums geht. Es ist nicht das erste Mal, dass der Insasse sich selbst verletzt. J. versucht, mit dem Häftling ins Gespräch zu kommen, verständigt den Gesundheitsdienst, Schnittverletzungen im Gesicht, an den Armen, an den Beinen. Er bringt ihn auf die Station des Gesundheitsdienstes, wickelt ihm die T-Shirt-Fetzen vom Körper, desinfiziert die Wunden und verbindet sie neu. Der Insasse wird später auf die Bewachungsstation im Berner Inselspital verlegt, Ärztinnen und Betreuer versorgen dort kranke Häftlinge.

Einzig den Himmel sehen: Dachluke in einer Zelle.
Das Regionalgefängnis Thun

Das Regionalgefängnis Thun liegt eingebettet zwischen Selve-Areal und Waffenplatz, umgeben von neuen Wohnquartieren, Senioren-Domizilen und Kitas. Es ist eines von insgesamt fünf kantonalen Regionalgefängnissen, die Insassen dort sind zum grössten Teil in Untersuchungshaft. Das Thuner Regionalgefängnis bietet Platz für 95 Häftlinge und verfügt über 23 Notbetten zusätzlich. Die durchschnittliche Haftdauer betrug im vergangenen Jahr 40 Tage.

In der Jugendabteilung waren 2019 insgesamt 127 Jugendliche inhaftiert, im gleichen Jahr sassen 63 Frauen in Thun in Untersuchungshaft. Auf 100’000 Einwohner kommen in der Schweiz 82 Häftlinge. Beaufsichtigt werden sie nicht von Gefängniswärtern, «gibts nicht mehr», heute spricht man von Betreuern. Einer davon ist Simon J., er hat sich bereit erklärt, mich durch die entlegenen Winkel des Thuner Gefängnisses zu führen. Auf seinen Wunsch hin wird er in diesem Text nicht mit vollem Namen genannt.

In Untersuchungshaft können die Häftlinge eine Stunde pro Tag auf dem Spazierhof verbringen.
Ein Nachmittag im Gefängnis

Ich bin nervös. Schwierig zu sagen, warum genau. In meinem Kopf vermischen sich Bilder aus Netflix-Serien mit der beklemmenden Vorstellung, eingesperrt zu sein. Ich schwitze leicht. Der Mann hinter der Scheibe am Eingang zum Thuner Regionalgefängnis bittet mich um einen Ausweis, ich desinfiziere meine Hände, er öffnet die Tür. Ich stehe in einem dunklen Gang. Ulrich Kräuchi kommt auf mich zu, ein Hüne von einem Mann, die Haare kahlgeschoren, die Haut braungebrannt. Kräuchi, der Direktor des Gefängnisses, trägt ein farbiges T-Shirt, Jeans und Converse-Schuhe. Hinter ihm steht Simon J., schwarzer Pullover, schwarze Hose, schwarze Turnschuhe. J. ist ebenfalls kräftig und gross. Als Betreuer im Gefängnis wäre ich wohl zu klein, denke ich, später wird J. widersprechen, der Beruf verlange keine bestimmte körperliche Konstitution.

Anlieferung

Mit Direktor Kräuchi und J. besprechen wir die Formalitäten meines Gefängnisbesuches. Ich sichere zu, dass keine Insassen erkennbar sein werden, weder im Text noch auf Bildern. Ulrich Kräuchi verabschiedet sich, mit Simon J. mache ich mich auf, das Gefängnis zu erkunden. Wir passieren die Stationen, die Neu-Inhaftierte durchlaufen. Der Aufenthalt im Regionalgefängnis beginnt im Untergeschoss, hier werden die Häftlinge «angeliefert». Ein schwarzes Tor, weisser Beton, Neonröhren an den Wänden. Sobald das Fahrzeug die Schwelle zum Gefängnis passiert, zeichnet die Überwachungskamera auf, was geschieht.

Im Innern des Gefängnisses gestaltet sich die Orientierung schwierig.
Das Labyrinth

Das eigentliche Gebäude ist durch eine Glastür von der Einfahrt getrennt. Eine Glastür, die in regelmässigen Abständen mit Metallverstrebungen verstärkt ist. Links von der Tür der Waffentresor, hier deponieren Polizisten ihre Schusswaffe. Im Haus gilt Waffen- und Handyverbot. Um ins Treppenhaus zu gelangen, muss Simon J. zwei Türen öffnen. Dazu gibt er einen persönlichen Code auf einem Kästchen vor der Tür ein, die Ziffern sind von der Seite nicht ersichtlich, und sie ordnen sich jedes Mal neu an. Zudem lässt sich eine Türe nur öffnen, wenn J. gleichzeitig seinen Schlüssel mit integriertem Chip an den Sensor hält.

Wir gehen eine Treppe hoch, treten in einen Gang, der aussieht wie jeder andere zuvor, gehen eine Treppe nach unten, noch bevor wir im Untersuchungszimmer ankommen, habe ich heillos die Orientierung verloren. «Soll so sein», J. lächelt.

Im Untersuchungszimmer angekommen, gehen die Gefangenen durch einen Metalldetektor, wie es sie an Flughäfen gibt, sie werden gemessen, gewogen, fotografiert. Sie füllen Formulare aus, geben an, ob sie sich vegetarisch ernähren, ob sie rauchen. Im Jahr 2019 waren Angehörige 64 verschiedener Nationalitäten in Thun inhaftiert. Die Aufnahmeformulare sind in etwa einem Dutzend Sprachen verfasst. Landessprachen, Albanisch, Arabisch. Die Leibesvisitation findet hier statt, Fingerspitzengefühl, wenn die Häftlinge die Kleider am Oberkörper ausziehen, dürfen sie die Hose anbehalten, wenn sie sich untenrum freimachen, den Pullover.

«Ich versuche, die Häftlinge so zu behandeln, dass ich nicht die Strassenseite wechseln muss, wenn ich ihnen ausserhalb des Gefängnisses begegne», sagt Simon J.
«Ein ruhiges Gemüt»

Simon J. ist ein besonnener Mensch, früher arbeitete er als Schreiner, seit zwei Jahren ist er Betreuer im Regionalgefängnis Thun. In Frutigen ist er aufgewachsen und wohnt noch immer dort. «Mein Job ist kein Kindheitstraum, niemand sagt, ich will mal im Knast arbeiten.» Er beschreibt sich selbst als ruhig und überlegt, ausgeglichen treffe es recht gut. Ein geregeltes Leben, eine gesunde Psyche und ein stabiles Umfeld. Kochen, in der Natur sein, aber eigentlich spiele es keine Rolle, was man in der Freizeit mache, wichtig sei, irgendwie abschalten zu können.

Simon J. gibt Auskunft auf all meine Fragen, spricht über die Momente, «in denen man einen klaren Kopf bewahren muss und nicht selbst in Hysterie verfallen darf», sagt, es lasse einen nicht kalt, wenn man wisse, dass der Mensch, der vor einem steht, Kinder missbraucht hat. Er sagt, manchmal seien die Mörder angenehmer im Umgang als die kleinen Gelegenheitsdiebe, und letztlich mache es die Masse aus, das klinge vielleicht blöd, aber: «Wir haben relativ viel Tötungsdelikte, da sticht ein Einzelner mit seiner Tat nicht mehr heraus.» Einzig als ich J. auf den Frutigen-Prozess anspreche – der Beschuldigte starb vor einem Monat im Thuner Gefängnis –, sagt J., über ein Einzelschicksal möchte er lieber nicht reden.

Der «Blick» im Gefängnis

Wir verlassen das Aufnahmezimmer, gehen hinauf in die offene Abteilung. Es riecht nach kaltem Zigarettenrauch. Die Insassen hier haben eine Stunde Hofgang pro Tag. Zusätzlich öffnen die Betreuer die Zellentüren während zwei Stunden, so können sich die Gefangenen untereinander in ihren Zellen besuchen. An einer Türe ist «HG» mit Kreide vermerkt, was für Halbgefangenschaft steht, der Häftling sitzt seine Strafe nachts ab und arbeitet tagsüber ausserhalb des Gefängnisses. An einer anderen Türe steht, ebenfalls mit Kreide, «Nagelclip privat / Blick». Der Häftling besitzt einen Nagel-Clip, was bei einer Zellendurchsuchung relevant ist, zudem wissen die Betreuer so, welche Zeitung der Häftling am liebsten liest und dass er sie auch im Gefängnis abonniert hat.

«Manche mögen die Aussicht, manche macht sie verrückt», sagt Simon J. Blick aus einer Zelle auf das Stockhorn.

Die Türen zum Treppenhaus piepsen kurz, wenn sie entsichert sind, hinter uns fallen sie krachend ins Schloss. Wir besichtigen die Disziplinarzelle, sie riecht streng nach Putzmittel, reissfeste Matratze, «WC-Duschen-Kombination» (eine Art Plumpsklo mit Brause oben), sonst nichts. Werden Häftlinge in diese Zelle versetzt, so geht ein gröberes Vergehen voraus. Sprich: Angriff von Mit-Insassen oder Personal. Wir verlassen die Zelle, in einem Zimmer schräg gegenüber steht ein Schrank mit diversen Utensilien. Unten im Schrank liegt ein «Sicherheits-Poncho», der die Häftlinge davor schützen soll, sich selbst etwas anzutun. Gleichzeitig kann er auch als Decke benutzt werden, die Inhaftierten in der Disziplinarzelle tragen lediglich Shorts und T-Shirt – ebenfalls zum Selbstschutz. Oben im Schrank sind Bücher, Lustiges Taschenbuch – «Alarm in Entenhausen: Angriff der Ameisen», das Neue Testament.

Der Alarmknopf

«Ich versuche, die Häftlinge so zu behandeln, dass ich nicht die Strassenseite wechseln muss, wenn wir uns ausserhalb des Gefängnisses begegnen», sagt Simon J. «Angenommen, ich wäre allein mit 15 Häftlingen und einer greift mich an: Es wäre nicht so, dass sich 14 weitere auf mich stürzen würden – im Gegenteil.»

Aber natürlich gibt es heikle Situationen. Die Betreuer tragen ein Telefon am Gurt, das oben über einen Alarmknopf verfügt. Wer diesen Knopf drückt, sendet einen Alarm aus an sämtliche Telefone und Betreuer im Gefängnis. «Dann rennt jeder.» Während mir Simon J. dies erklärt, laufen wir zum Aufenthaltsraum des Personals. Die Stimmung im Team ist locker, keine Schwere. An einer Wand hängt eine Postkarte von Alcatraz, dem sagenumwobenen Gefängnis in der Bucht von San Francisco, ein Mitarbeiter hat sie aus den Ferien verschickt. Plötzlich zieht Simon J. sein Telefon energisch aus der Tasche, sein Blick ist ernst, «warten Sie bitte hier», sagt er zu mir und eilt mit grossen Schritten aus dem Raum. «Fehlalarm, Fehlalarm», ruft eine Kollegin kurz darauf, die Erleichterung ist Simon J. anzusehen.

Ein Bett, ein Fernseher, ein Wasserkocher – und eine eigene Toilette. Viel mehr ist in einer Zelle nicht vorhanden.

Es ist ein Privileg, hinter die Sicherheitsschranken des Gefängnisses blicken zu dürfen. Zu erfahren, was alles passiert auf dem Gelände, das unscheinbar wirkt und mit Stacheldraht umzäunt ist. Meine Nervosität ist weg, viele Klischees blieben unbestätigt – nicht alle. Die Aussicht aus der Luke einer Zelle, ein blauer Streifen Himmel, ich wünsche sie niemandem.

Simon J. begleitet mich zum Ausgang. Ich glaube nicht, dass ich ihn alleine gefunden hätte.

Später wird J. nach Frutigen fahren, unverrückbare Berge um ihn herum, vielleicht kocht er etwas für sich und seine Freundin, die er in einem Monat heiraten wird – ans Gefängnis denkt er nicht mehr. Die Dunkelheit der Nacht legt sich über das Land. Was Simon J. auf seinem Rundgang am nächsten Morgen erwartet, weiss niemand.

*Vollständiger Name dem Autor bekannt.

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