Der Kurde Raschid Muhamad wird im Irak in den Krieg hineingeboren. Als er das Land verlässt, droht ihm die Todesstrafe. Trotz all dem kehrt er zurück. Die Heimat seiner Kinder aber ist die Schweiz.
Text: Pascal Müller | Fotos: Pascal Müller
«Es war wie ein Hammerschlag», erinnert sich Muhamad. Seit einem Jahr war er mit seiner Familie zurück im Irak. In Kurdistan, wie die Kurden sagen. Kurz nach dem Abendessen baten die Kinder ihn und seine Frau ins Wohnzimmer. Sie sagten: «Mama, Papa, wir wissen, Kurdistan ist eure Heimat. Aber unser Heimatland ist die Schweiz.» Sein Sohn und seine Tochter, damals zehn respektive elf Jahre alt, wollten zurück. An seinem Geburtsort Sulaimaniyya im Irak war er selber zum Fremden geworden, kannte nur noch die ältere Generation und es tobte erneut der Krieg. Im Jahr 2016 hatte er die Schweiz verlassen, in die er zuvor geflüchtet war.
In der Schweiz
Raschid Muhamad lebt in Thun. Hier kamen seine Kinder zur Welt, hier arbeitet er für die Asylkoordination der Stadt. Der 62-Jährige sagt: «Manchmal laufe ich durch die Strassen und bin in Gedanken ganz woanders.» Im Januar 1999 kam er in der Schweiz an und gelangte via Basel ins Berner Oberland. Zuerst ins Asylzentrum Frutigen, später nach Interlaken. Muhamad beherrscht viele Sprachen. Unter anderem Kurdisch, seine Muttersprache, Latein, Arabisch, Französisch, Englisch und mittlerweile Deutsch. Das wurde ihm zum Vorteil. Er vermittelte im Asylzentrum, arbeitete freiwillig als Dolmetscher und half den anderen Asylbewerbern. Bald schon fand er eine Stelle als Übersetzer. Über die Sprache gelang ihm die Integration. In der Brockenstube in Frutigen legte er den Grundstein dazu. Er suchte nach einem Wörterbuch und fand ein Kinderbuch. Muhamad lacht: «Es war voller Bilder mit den dazugehörigen Begriffen.» So lernte er sein erstes Wort: «Der Tisch».

Im Krieg
Geboren 1958, wird er mit 18 Jahren für die Armee eingeteilt. Als der Irak 1979 den Iran angreift, ist er im Militär. Es ist das erste Mal, dass er aktiv am Kriegsgeschehen teilnimmt. Teilnehmen muss. In den Krieg zu ziehen, ist für junge Iraker obligatorisch. Studenten, die das restliche Jahr über in Hörsälen sitzen, werden für jeweils drei Monate einberufen. Muhamad, der im Gymnasium erste journalistische Erfahrungen gesammelt hat, wird in der Armee zum Kriegsjournalisten. Er trägt eine Pistole und eine Kalaschnikow und betet zu Gott, dass niemand von seinen Waffen verletzt werden möge.
Im Bürgerkrieg
Das Heimatland, das es so für Kurden nicht gibt, wird immer wieder von Aufständen erschüttert. Sie ziehen sich wie ein blutig-roter Faden durch die Geschichte und dauern bis heute an. Kurden werden vom irakischen Regime verfolgt, der kurdische Aufstand in den 1980er-Jahren ist Muhamads zweiter Krieg, sein erster Bürgerkrieg. Es sei vorgekommen, sagt Muhamad, dass Brüder gegen Brüder gekämpft hätten. Der eine auf der Seite der Regierung, der andere im Dienst der kurdischen Streitkräfte.

In Bosnien
Viele Kurden, darunter Raschid Muhamad, verlassen das Militär. Sie weigern sich, ihr Volk zu bekämpfen. Nach dem Elend in der Heimat landet Muhamad in Bosnien. Es ist sein nächster Krieg – er berichtet als Journalist. Auf die Frage, warum, antwortet er mit einem leisen Lächeln und meint: «Ich hatte schon Erfahrung». Muhamad verliert Kollegen, Kameramänner und Freunde. Wird selbst verwundet, vier Mal. Seine Nase wurde gebrochen, das linke Auge ist lädiert und nach langem Sitzen spürt er Rücken und Gesäss. Raschid Muhamad sagt, er habe Glück gehabt. Wer Militär und das Land verlässt, wird im Irak grundsätzlich mit dem Tod bestraft.
In der Heimat
Den Grossteil seines Lebens hat er im Ausland verbracht. Weder in Europa noch in der Schweiz hatte er Familie oder Verwandte, als er 1999 in Basel ankam. Die Rückkehr nach Kurdistan 2016 erfolgte auch auf Wunsch seiner Frau. Es ist schwierig, von Raschid Muhamad zu erfahren, was Heimat bedeutet. Er sagt: «In der Schweiz bin ich in Sicherheit.» Wo er in Gedanken ist, wenn er durch Thuns Strassen läuft, bleibt nur zu erahnen.