40 Jahre hat Markus Wyss im Klassenzimmer verbracht. Ein halbes Leben. Er sieht Kinder aufwachsen und Kollegen ausbrennen. Ende Juni ging der 58-jährige Lehrer in Pension. Frühzeitig. Der Lehrerberuf braucht Energie, sagt Wyss. Trotzdem: «Ich würde sofort alles nochmal von vorne machen.»

Von Pascal Müller (Text und Bild)

Rund fünf Wochen ist das neue Schuljahr alt. Die Herbstferien stehen vor der Tür. Würden die Dinge ihren gewohnten Lauf nehmen, so führte Markus Wyss eine neue fünfte Klasse. Schreiben, büffeln, nörgeln. Provozieren, quatschen, spielen. Schule eben. «Der schönste Beruf der Welt», Markus Wyss hat ihn an den Nagel gehängt.

37 Jahre sass der 58-Jährige hinter dem Lehrerpult, 27 Jahre als Klassenlehrer an der Schule Bönigen. Er stand an der Tafel, ging durch die Reihen. Noch lieber ging er mit seiner Klasse in den Wald, suchte nach Pilzen oder schwang sich aufs Velo.

Herr Wyss, was war ihr schlimmstes Landschulwochen-Erlebnis?
Markus Wyss: Alles in allem hatte ich grosses Glück. Mir kommt einzig ein Schreck-Moment in den Sinn: Wir waren mit den Velos unterwegs – früher konnte man das noch. In Sigriswil machten wir einen Stopp. Sämtliche Schüler hielten an – bis auf einen. Er fuhr an uns vorbei, reagierte auch auf mein Zurufen nicht, wurde immer schneller. Plötzlich realisierte ich: Der kann nicht mehr bremsen. Ich fand ihn kurz darauf, er hatte sich nur das Knie aufgeschürft. Ich war unglaublich erleichtert.

Sie sagen «früher konnte man das noch». Kann man heute mit einer Klasse keine Velo-Tour mehr machen?
Kaum. Die Leistungsfähigkeit hat abgenommen. Früher konnte man mit Schülerinnen viel mehr machen. Sie waren es sich gewohnt, anzupacken – von zu Hause aus. Sie hatten eine bessere Ausdauer, mehr Kraft. Schüler konnten auf die Zähne beissen, das war kein Problem. Heute stöhnen sie sofort auf.

Sind die Schüler verweichlicht?
Definitiv. Und dafür sind die Eltern mitverantwortlich. Es gibt Eltern, die ihrem Kind sämtliche Hürden aus dem Weg räumen. Möglichst den Weg ebnen, alles schön flach, ja kein Hindernis.

Was ist heute besser als früher?
Dass wir professionelle Hilfe haben. Heilpädagoginnen, Sozialarbeiter – sie leisten einen wichtigen Beitrag. Das gab es früher nicht, man musste alles in der Klasse lösen. Nicht, dass das schlecht war. Heute fehlt aber dafür oft die Zeit.

Streit und Konflikte sind das eine – manchmal werden Kinder in der Schule gemobbt.
Leider nichts Aussergewöhnliches. Dazu kommt die Pubertät. Die jungen Menschen entwickeln sich, sie werden grösser und älter und müssen vieles lernen. Mobbing ist ein Teil dieses Entwicklungsprozesses. Wer bin ich? Was kann ich? Das sind Fragen, die einen beschäftigen in diesem Alter.

Mobbing heute findet vermehrt im virtuellen Raum statt. In Klassenchats über Whatsapp oder Snapchat.
Das ist so. In meiner Klasse haben Schülerinnen und Schüler selbst einen Chat erstellt, auf ihre Initiative hin. Teilweise schrieben sie einander bis nach Mitternacht. Das führte zu Missverständnissen, die wir dann in der Klasse ausdiskutieren mussten.

Keine Nacktbilder und Hitlergrüsse im Chat?
Nein. Da galt: «Gibt es nicht!» Wir haben das in der Klasse regelmässig besprochen. Wir hatten Experten, die über das Thema informierten. Vor ungefähr zehn Jahren hatte ich einen Fall: Wir waren Pizza essen, ein Schüler hat mit seinem Smartphone gefilmt. Anschliessend hat er es verfremdet, Schmatz-Geräusche hinzugefügt und Kommentare eingeblendet und das Video auf Youtube hochgeladen. Der Schüler hatte Glück, dass er von den Eltern der betroffenen Person nicht angezeigt wurde.

Sie unterrichteten 5./6. Klasse. Da sind die Schüler am mühsamsten.
Überhaupt nicht. Ich finde es das interessanteste Alter. Wir machten jeweils Fotos zu Beginn des 5. Schuljahres und Ende der 6. Klasse. Es ist erstaunlich, was da passiert. Ich glaube, es ist genau die Stufe, die mir liegt. Gelegen ist. Ich mochte es, eine Klasse während zweier Jahre zu begleiten. Ich habe immer gehofft, ihnen möglichst viel für ihr ganzes späteres Leben mitgeben zu können. Für mich ist es die schönste Stufe, obwohl man viel «Polizist spielen» muss.

Was heisst das?
Lehrer-Sein, das kann man kaum erlernen. Entweder hast du das Gespür oder du hast es nicht. Von den Kollegen, mit denen ich das Lehrerseminar absolviert habe, sind die meisten abgesprungen. Ein einziger hat so lange unterrichtet wie ich. Es ist die Chemie, die stimmen muss. Die Chemie zwischen Schülern, Schülerinnen und Lehrern: Man muss die Schüler gern haben, sonst funktioniert es nicht. Darum ist es für mich der schönste Beruf überhaupt.

In der Pädagogik hat sich einiges getan. Verhaltensauffälligkeiten, ADS, ADHS werden vermehrt diagnostiziert und diskutiert. Sehen Sie eine Zunahme?
Ich würde sagen: nein. Manchmal macht man aus Mücken Elefanten. Wichtig ist: Wir sprechen miteinander. Das war immer das Motto. Solange das funktioniert, braucht man kein Leitbild, keine mehrseitigen Dokumente. Wir sprechen miteinander. Nicht hinter dem Rücken. Wir schauen einander in die Augen, das ist zentral.

In der Realität sind viele Lehrer überfordert. Nicht wenige erleiden ein Burn-out.
Ich habe viele Lehrpersonen gesehen, die ein Burn-out erlebt haben. In welchem Schulhaus nicht? Auch hier. Überall und je länger, je mehr. Das hat sich verändert. In meinem Alter, in meiner Position kann ich mich durchsetzen, verweise auf meine Erfahrung. Wer aber frisch von der PH kommt, der ist unglaublich vielen Einflüssen und Kritikpunkten ausgesetzt. Daran kann man zugrunde gehen. Die Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Das ist legitim. Sie setzen dafür sämtliche Hebel in Bewegung – und haben kein Vertrauen mehr in die Fähigkeiten der Lehrperson. Das ist weniger legitim.

Hat nicht auch der Leistungsdruck zugenommen?
Vermutlich. Früher stand der Sek-Übertritt nach der vierten Klasse an – heute fällt er mitten in die Pubertät. Dazu weiss ich von Eltern, die ihrem Kind sagen: Wir machen Ferien auf den Malediven – wenn du es in die Sekundarschule schaffst. Und und und. Die Grossmutter, die ihrem Enkel das neue Velo verspricht, wenn er den Übertritt meistert. Dieser Druck ist …

…kontraproduktiv?
Ja. Und teilweise sehr sehr hoch.

Wann soll man denn auf die Malediven?
Gar nicht, wenn es abhängig ist davon, ob das Kind die Sek-Prüfung besteht. Die Kinder spüren die Erwartungen der Eltern ganz genau. Ich plädiere dafür, sein Kind zu stärken. All meinen Schülerinnen und Schülern habe ich klargemacht: Jede und jeder kann seine Ziele erreichen. Umwege gehören dazu.

À propos Umwege: Der Lernerfolg der Kinder ist abhängig von der Lehrperson.
Absolut. Die Beziehung zu den Schülern ist das Wichtigste. Ich muss sie spüren. Nur so kann ich ihnen den Stoff vermitteln. Und das geht nur, wenn du authentisch bist. Du kannst nicht eine andere Person spielen. Das kannst du im Theater machen – in der Schulstube fliegst du nach spätestens zwei Wochen auf. Die Schülerinnen merken das.

Also sind Sie «der geborene Lehrer»?
Ach, ich habe einfach Schwein gehabt. Schwein gehabt, dass ich diesen Beruf so habe ausüben dürfen. «Der geborene Lehrer» klingt überheblich. Aber es war schon mein Beruf. Ich bin froh habe ich ihn gewählt und ich denke sehr, sehr gerne zurück.

Ich frage Markus Wyss, ob Lehrer heute mehr Erziehungsarbeit übernehmen müssen. Er bejaht. Sagt, kaum ein Kind bedanke sich noch. Spendiere man ihnen auf der Exkursion ein Getränk, so warte man vergeblich auf ein Merci. «Ein Merci kostet nichts», sagt der Lehrer. «Ein Kompliment ebenso wenig.» Seine Frau – ebenfalls eine Lehrerin – schaltet sich ein: «Aber Markus, es sind trotzdem liebe Kinder.»

In Markus Wyss Antwort wird deutlich, wie gern er Lehrer war, wie gross seine Leidenschaft für die Schule und die Schüler ist. Er sagt: «Natürlich, ja sicher! Die Kinder sind immer noch genau gleich wie vor vierzig Jahren, die Kinder. Daneben hat sich vieles geändert. Die Beziehung aber ist gleich geblieben. Die Schüler sind immer noch super. Und sie werden auch super bleiben.» Würde er noch einmal den gleichen Weg einschlagen? Markus Wyss‘ «Ja» kommt, kaum ist die Frage fertig gestellt.

Und wer waren die Lieblinge von Herrn Wyss?
In einer Schulklasse darf es keine Lieblinge geben. Auch wenn persönliche Sympathien vorhanden sind – zeigen darfst du sie nicht. Wenn plötzlich auch das beliebteste Mädchen der Klasse, die «Queen», einen Strich erhält – dann registrieren die Mitschüler das. Und staunen. Es sind alle gleich.

Im Vergleich zu Ihren Lehrerkollegen: Sind Sie eine Art abtretender Cowboy, der letzte Ihrer Art?
Die Richtung triffts wohl ungefähr. Nein – was soll ich Ihnen sagen? Ich hatte meine Linie, habe immer gesagt, was ich will und was nicht. Andere Lehrer sind vielleicht kurvenreicher unterwegs, verbiegen sich eher. Aber die kämpfen dann auch. Man ist so, wie man ist.

Lehrer haben unglaublich viel Ferien, so lautet ein Klischee. Worauf die Lehrer entgegen, das seien nicht Ferien, das sei «unterrichtsfreie Zeit». Was entgegnen Sie?
Ich frage: Warum wirst du nicht Lehrer? Es herrscht Lehrermangel, gerade auf der Primarstufe. Männliche Lehrpersonen sind besonders gesucht. Die Antwort lautet dann meist, «ich hätte die Geduld nicht». Im Ernst: Warum hören alle auf? Die dreizehn Wochen Ferien sind eine Tatsache. Ich habe sie genossen. Aber von den dreizehn Wochen sind drei Weiterbildung. Und überhaupt: Als Lehrer brauchst du die Ferien. Nicht nur die Schülerinnen werden müde. Die besten Ideen hatte ich immer in den Ferien.

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