Auf dem Waffenplatz Thun rücken am Montag rund 1300 Rekrutinnen und Rekruten ein. Der Start in die Sommer-Rekrutenschule steht im Zeichen des strikten Schutzkonzeptes der Armee. Gesundheit hat höchste Priorität. Für die Einrückenden bedeutet dies Einschränkungen. Sie sehen ihnen und dem militärischen Alltag gelassen entgegen.

Text, Fotos und Video: Pascal Müller

Busweise werden sie herangekarrt, die jungen Rekrutinnen und Rekruten. «Militär Extrafahrt» – vom Bahnhof Thun direkt auf den Waffenplatz, ihr neues Zuhause für die nächsten vier Monate.

Apropos Zuhause: Dieses sehen sie in frühestens zwei Wochen wieder. Für das erste Wochenende ist der Urlaub gestrichen. Zuvor gilt: Sämtliche Rekruten und Kader werden im Rahmen der obligatorischen Eintrittsmusterung auf Sars-CoV-2 getestet. Zudem besteht Maskenpflicht ab der Eintrittsschranke zum Waffenplatz. Bis die Testresultate vorliegen, bleibt die Maske auf: Es ist dies das augenfälligste Merkmal des besonderen Starts in die Rekrutenschule.

Die Krise als Chance

Der Kommandant des Waffenplatzes Thun, Oberst im Generalstab Hans Jörg Diener, nimmt mich am Haupteingang zur AAP (Ausbildungsanlage Polygon) in Empfang, ich greife in die Schachtel mit Hygienemasken, die mir ein Soldat mit Handschuhen hinhält. «Herr Müller gehört zu mir», sagt Diener zu den Wachmännern. Wir dürfen passieren. Wir schreiten die Weiten des Waffenplatzes ab. Ich darf filmen, wo ich will. Fragen, wen ich will. Fotografieren, was ich will. Hier und da macht mich der Herr Oberst auf ein «tolles Sujet» aufmerksam. Ihr wurde ein gutes Zeugnis ausgestellt, der Armee. Wie sie gehandelt hat. Und geschickt kommuniziert hat. Der Gedanke, der mich umtreibt: Nutzt die Armee die Krise zur Profilierung? Auf die Frage schweift Hans Jörg Diener etwas aus, sagt später «profilieren» sei ein heikles Wort. Und: «Die Armee hat bewiesen, dass sie innert kürzester Zeit Personal aufbieten, ausrüsten und einsetzen kann. Konkret mit Sanitätstruppen im Gesundheitswesen zur Unterstützung der Spitäler. Und mit Kampftruppen zur Unterstützung des Grenzwachtkorps, zum Schutz der Grenzen und allenfalls zur Unterstützung der Polizei.»

Rote Plakate in der grünen Welt

12’500 Männer und Frauen rückten am Montag in die Sommer-RS 2020 ein, 1300 allein in Thun. Der Armee oberstes Gebot hierbei: die Einhaltung eines speziell dazu erarbeiteten Schutzkonzeptes. Die Armee schreibt, und Hans Jörg Diener betont: Die Gesundheit der Einrückenden stehe im Zentrum des RS-Starts. Draussen seien die Plakate, die zur Ermahnung der Hygienemassnahmen auffordern, bereits blau, meint Hans Jörg Diener. Auf dem Waffenplatz aber seien sie nach wie vor rot. Der Kontext: Die Verhaltensregeln des BAG werden auf sämtlichen Kommunikationskanälen mit einer bestimmten Farbe dargestellt. Mit zusätzlichen Lockerungen verändert sich diese. Seit 6. Juni mahnen uns Piktogramme auf blauem Hintergrund, uns bei einschlägigen Symptomen sofort testen zu lassen. Zuvor waren sie pink oder eben rot, sprich: striktere Schutzmassnahmen, kollektiver Lockdown.

Test, Test

Trotz roter Plakate ruht der Waffenplatz nicht. Im Gegenteil: Das Tragen der Maske ermöglicht einen mehr oder weniger normalen Ablauf der Tätigkeiten, so der Eindruck vor Ort. Und es gibt viel zu tun: Bis Mitte Woche sollen sämtliche neu eintretenden Armeeangehörigen auf das Corona-Virus getestet werden – Ende Woche sollen die Resultate vorliegen.

Eine Halle auf dem Thuner Waffenplatz wurde zum temporären «Corona-Center» umfunktioniert. Es geht zu wie im Bienenhaus.
Sämtliche einrückenden Rekrutinnen und Rekruten werden auf das Corona-Virus getestet.

Man hoffe auf möglichst wenig positive Fälle, sagen Hans Jörg Diener und Leutnant Michel Bielecki. Bielecki ist Arzt und Chef des temporären Corona-Centers des Waffenplatzes Thun. Man habe in Airolo im Frühjahr viel Erfahrung sammeln können in Sachen Abstriche. «Wir haben vorgängig zum heutigen Start Trockenübungen gemacht: Vier Personen schaffen 50 Abstriche in 15 Minuten.» Es gehe recht schnell vorwärts, Ziel sei es, Wartezeiten zu vermeiden. 1300 Tests in 48 Stunden: «Einerseits mittels Blutserologie-Schnelltests und andererseits mittels Nasenabstrich», so Bielecki.

Der Chef des temporären Corona-Centers des Waffenplatzes Thun, Michel Bielecki (links), im Gespräch mit dem Kommandanten des Waffenplatzes Thun, Hans Jörg Diener.
Erfahrungen aus Airolo

Michel Bielecki sieht es denn auch eher als logistische, denn als medizinische Herausforderung. Man habe schweizweit 13 Equipen lossenden müssen, die die Krankenabteilungen und Medizinischen Zentren auf den Waffenplätzen unterstützten. Dies alles zu organisieren, die Leute entsprechend auszubilden, dass sie unabhängig als Einheit funktionieren können, sei nicht ganz einfach gewesen, sagt Bielecki. «Es war anspruchsvoll, dieses Training so abschliessen zu können, dass ich heute hier stehe und sagen kann: Doch die haben das im Griff – auch wenn ich nicht da bin.» Die Zeit in Airolo im Frühjahr bezeichnet er als «Feuertaufe». Er sei eingerückt mit dem Gedanken, seine zwei bis drei Patienten pro Tag zu betreuen. Stattdessen habe es einen Covid-19-Ausbruch gegeben, der ihn und zwei weitere Ärzte bis an ihre Limiten gefordert habe. Sie hätten schliesslich an acht verschiedenen Standorten Leute in Quarantäne gehabt, die sie jeden Tag untersucht hätten, erzählt der junge Arzt. «Es war emotional, wie auch medizinisch, eine ziemliche Herausforderung, das alles zu meistern. Ich denke aber, es hat mir auch im Privatleben weitergeholfen, in dieser Situation Unterstützung leisten zu können.»

Temporäres Corona-Center

Den Medizinern, ihnen kommt aktuell auch in der Armee eine besondere Wichtigkeit zu. Hans Jörg Diener sagt, ein Vorteil des Waffenplatzes Thun sei, dass er über viele Hallen verfüge. In einer dieser Hallen wuseln Angehörige der Sanitätsschulen und Rettungssoldaten durcheinander. Sie tragen Einwegkittel über dem Militärtenue und untersuchen die Neuankömmlinge. Draussen trainieren die Neo-Rekruten in Zivil das Salutieren, manche in Trainerhosen, manche in Jeans. Vor der Kamera Stellung nehmen möchten die Wenigsten. «Ist grad gut» und «lieber nicht». Verständlich. Fragt man im privaten Umfeld und im Freundeskreis, so drückt leichte Besorgnis durch hinsichtlich der Wochenenden. Man wisse ja noch nicht, wann man denn heim könne. Am Schluss jeweils der Hinweis, den Namen bitte nicht zu nennen. Ein Soldat, der seinen WK in Thun absolviert, sagt, ihnen sei strikt untersagt worden, mit den Medien zu sprechen.

Der Blick zurück: Die jungen Menschen müssen sich in den kommenden Monaten in einem veränderten Alltag zurechtfinden.
Rekrutenschule anstatt Hotelfachschule

Scharen von Rekruten ziehen über den Waffenplatz, einige fragen den Kommandanten, wo sie hinmüssten. Und einige trauen sich doch, darüber zu sprechen, wie es ist, mit Schutzmaske einzurücken. Maximilian Meier, im Nachhinein frage ich mich, ob das sein richtiger Name ist, sagt, er freue sich auf die vier Monate im Militär. Man sieht, meint er und weist auf die Menge junger Rekruten, die gerade aus dem Bus steigen: «Alle haben hier eine Maske an, und das ist alles gut organisiert. Ich denke, das sollte kein Problem sein.» Er hätte zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich in der Hotelfachschule sein sollen, gibt der junge Wenger zu Protokoll. Wegen des Corona-Virus mache er aber jetzt ein Jahr Pause, da könne er das Militär auch gleich noch machen. Sorgen habe er sich keine gemacht, erklärt der Rekrut. Er hoffe, gute Kollegen zu finden im Militär, dann mache es ihm nichts aus, auch am Wochenende in der Kaserne zu bleiben.

Auf dem Gelände sind mehrere Hygiene-Stationen aufgebaut.
Die wichtigste Waffe im Kampf gegen das Virus: Desinfektionsmittel.
Ein neuer Alltag

Von etwas weiter her ist ein anderer Rekrut angereist. Er stammt aus der Westschweiz, trägt ein Hemd und studiert Jura. Man müsse die Regeln halt befolgen. Weder störe ihn das gross, noch finde er es besonders toll, erklärt der Student. Voilà. Den grössten Unterschied sieht er anderswo: «Ich kann nicht mehr machen, was ich will, wie sonst im zivilen Leben.» Die Maske sei ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig, aber naja, man werde sehen, wie sich das entwickle. Vor dem Wochenende auf dem Waffenplatz graust ihm nicht: «Ach, natürlich wäre es gut, wenn wir jedes Wochenende heim könnten – aber wenn das nicht geht aufgrund von Sicherheitsbestimmungen, Virus et cetera, werde ich mich dem fügen.» Tant pis also.

Markierungen und Absperrungen: Grössere Gruppen sollen, wo immer möglich, verhindert werden. Im Hintergrund fassen die Rekruten ihr neues Tenue.
Abtreten

Während der junge Romand seine Sporttasche schultert und sich zu seinem Treffpunkt aufmacht, ziehen wir ebenfalls weiter. Wir passieren die Rekruten, die in vorbildlichen Zwei-Meter-Abständen darauf warten, sich registrieren zu lassen. Vorbei an der Militärsporthalle, die mit Betten bestückt und zur Kaserne umfunktioniert wurde.

Die Militärsporthalle Thun wird aufgrund der aktuellen Situation als Kaserne genutzt. Rekruten und Rekrutinnen müssen aufgeteilt werden, um die geforderten Distanzen einhalten zu können.

Wir begegnen Desinfektionsstationen und Soldaten. Sie salutieren, wenn sie den Oberst im Generalstab erblicken, und bezeugen: Es laufe gut, ja, sehr zufriedenstellend bis jetzt. Irgendwo brüllt ein Gruppenführer: «Les romands, ça va?» und «Dütschschwiizer, es lauft?» Die Rekruten murmeln zustimmend. Soweit also alles im grünen Bereich in der grünen Welt.

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