Wenn der Pensionär die Rente am Roulette-Tisch verprasst oder die Lernende den Lohn im Online-Casino verzockt, kommt Ilona Hunziker ins Spiel. Als Beraterin bei der Fachstelle Berner Gesundheit unterstützt sie Menschen, die von Glücksspielsucht betroffen sind, und deren Familien. Sie rät zur liebevollen Konfrontation und erklärt, was erste Anzeichen einer Sucht sein können.

Von Pascal Müller

Foto: sos-spielsucht.ch

Blinkende Automaten, Adrenalin – der Geruch von Geld. Casinos versprechen Spass, Ablenkung, Spannung – Rausch. Es ist ein besonderer Reiz, den Glücksspiel auf den Menschen ausübt.

Die Sucht

Auf manche wirkt er so stark, dass sie sich ihm nicht entziehen können. Meist beginnt eine Sucht harmlos. Und plötzlich renne man nur noch dem verlorenen Geld hinterher, sagt Ismail, der selbst jahrelang gespielt hat. Gewinne man – so spiele man erst recht. «Ein Teufelskreis». Im Video erzählt der 44-jährige von seiner Spielsucht.

Das Streben nach Glück kann, wie im Fall von Ismail, in einer Spielsucht enden. Das Geld fehlt, Selbstvorwürfe, die Familie leidet. Doch was können Angehörige tun, wenn der Partner die Miete verzockt, die Freundin ihr Gehalt oder die Mutter ihre Rente?

«Den Spiegel vorhalten»

«Ansprechen», rät Ilona Hunziker. Sie ist stellvertretende Regionalleiterin bei der Berner Gesundheit, berät Spielsüchtige und deren Angehörige im Rahmen von kostenlosen Sprechstunden. Es gehe darum, den Betroffenen den Spiegel vorzuhalten, sagt Hunziker im Video. «Auf eine liebevolle Art.»

Zahlen und Fakten

In der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 2017 gaben 69 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer an, mindestens einmal im Leben ein Glücksspiel gespielt zu haben. Das entspricht 4.4 Millionen. 2.8 Prozent oder 177’500 Personen spielen risikoreich, 0.2 Prozent sind spielsüchtig, das entspricht 14’700 Schweizerinnen und Schweizer. Die Corona-Pandemie dürfte das Phänomen zusätzlich verschärft haben.

Vielfach werde eine Sucht abgestritten, bagatellisiert, sagt Hunziker. Und rät, dranzubleiben. Als Angehörige dürfe man Betroffene konfrontieren, sagt Ilona Hunziker. Und: «Den Kontakt abbrechen, würde ich auf keinen Fall.»

Foto: Pascal Müller
Die Beratung

In einem ersten Beratungsgespräch auf einer Fachstelle wie der Berner Gesundheit gehe es darum, die Situation zu analysieren.

Die genaue Ausgangslage einer Person zu erkennen, sei wichtig, sagt Ilona Hunziker. Im Falle einer Glücksspielsucht spielten vielfach die finanziellen Verhältnisse eine Rolle, sagt Hunziker. Hat jemand Schulden? Wie können die Finanzen zukünftig geregelt werden? Ilona Hunziker sagt: «Wir versuchen, gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen zu finden.»

«In einem nächsten Schritt geht es darum, herauszufinden, welche Funktion das Glücksspiel im Leben eines Betroffenen hat», sagt die Suchtberaterin der Berner Gesundheit. Mögliche Gefährdungssituationen sollen vom Klienten frühzeitig erkannt werden, um anschliessend Strategien zu erarbeiten, wie schwierige Situationen gemeistert werden können. Sie erzählt von einem Spielsüchtigen, dessen Arbeitsweg an einem Casino vorbeiführte. In seinem Fall sei ein anderer Arbeitsweg ein erster Schutz gewesen, um die Versuchung, spielen zu wollen, möglichst klein zu halten.

Foto: sos-spielsucht.ch
Die Anzeichen

Anders als bei anderen Suchterkrankungen sei eine Spielsucht nicht sofort erkennbar, sagt Ilona Hunziker. Sie weiss von Kindern, die erst nach und nach entdeckten, dass ihre Mutter ein Doppelleben führte, von einem Mann, dessen Schulden erst bekannt wurden, als Mahnungen ins Haus flatterten. Finanzielle Engpässe könnten denn auch ein erstes Anzeichen sein, sagt Ilona Hunziker.

Foto: Pascal Müller

Oder wenn jemand sich vermehrt zurückziehe, gereizt sei. Dies sind indes nur vage Symptome, die nicht zwingend mit einer Spielsucht zusammenhängen müssen. Das interkantonale Programm «Spielen ohne Sucht» bietet weiterführende Informationen für Betroffene und für Angehörige. Über das Portal ist zudem eine erste telefonische oder eine Onlineberatung möglich.

Von Dostojewski bis James Bond

Die Geschichte des Glücksspiels, sie reicht weit zurück. In Zürich wurde bereits um 1465 auf Schützenfesten der «Glückshafen» aufgestellt. Die Losurne gilt als ältester Beleg eidgenössischen Glücksspiels.

Spielsucht gehe denn auch «quer durch alle gesellschaftlichen Schichten», sagt Ilona Hunziker. Wenig erstaunlich, befasst sich auch die Kulturgeschichte damit. Schriftsteller schrieben darüber, James Bond triumphierte am Pokertisch in «Casino Royale» –

und wie sangen einst The Animals?

My mother was a tailor
She sewed my new blue jeans
My father was a gambling man
down in New Orleans.

Hoffnung

Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen machen deutlich, welch dramatische Auswirkungen eine Spielsucht haben kann. Sie zeigen aber auch, dass Veränderung möglich ist. Wie bei vielen anderen Leiden gilt gemäss Ilona Hunziker: Ein Gespräch mit Freunden oder der Familie kann helfen und mit professioneller Hilfe ist es möglich, problematisches Verhalten zu steuern oder zu stoppen. «Es gibt Strategien, die Betroffene lernen und entwickeln können», sagt Ilona Hunziker.

Ein erster Schritt aus der Sucht-Spirale.

 

 

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