Im vergangenen September erlebt Sandro ein Burn-out. Dorthin zurück will er nicht. Zurück ins Leben aber schon. In ein anderes Leben. Die Geschichte eines mutigen Mannes, der sich grossen Veränderungen stellt.

Text: Pascal Müller | Fotos: Pascal Müller

Sandro* schwitzt, sein Herz rast. Mit der linken Hand hält er sich an der Tischkante, mit der rechten an der Stuhllehne, leuchtende Punkte tanzen vor seinen Augen, flimmern. Sandro fühlt sich wie gelähmt, starrt weiterhin auf den Bildschirm vor sich, irgendwann wird er schwarz, alles um ihn herum auch.

Es ist zehn Uhr, als Sandros Kopf explodiert. Zwei Arbeitskollegen bringen ihn nach Hause, ein Septembermorgen, die Fahrt vom Büro nach Hause dauert fünfunddreissig Minuten. Daheim legt Sandro sich hin. Eine Woche lang weint er.

Vor sieben Monaten bricht dem Thuner, der in Wirklichkeit anders heisst, der Boden unter den Füssen weg. Burn-out. Er sagt: «Ich will nicht mehr zurück.»

Rastlosigkeit

Der Schorenwald unweit von Thun, hier trifft Sandro jeden Mittwochnachmittag die Psychiatriepflegefachfrau Bettina Joder. Sie kennen die Route, eine knappe Stunde dauert sie. Sandro erzählt, Bettina Joder hört zu, nickt, fragt nach. Der Wald leuchtet in üppigem Grün, manchmal gehen die beiden schweigend, der Himmel ist bewölkt, Sandros Hand umschliesst einen Regenschirm.

Sandro trägt eine Fleece-Jacke, Jeans, olivgrüne Laufschuhe. Im Wald fühlt er sich wohl. «Einen Mehrwert» nennt Sandro die Spaziergänge in der Natur – das Draussensein, es hilft. Unebenheiten im Boden, Sandro konzentriert sich auf seine Schritte, sagt, so werden die Gedanken im Kopf weniger.

Sandro ist Projektmanager, kräftige Statur, wacher Blick. Seine Firma baut Fahrleitungen für Züge und Trams, Schweizer KMU, international tätig. Nach einer Lehre als Automatiker absolviert Sandro die Berufsmatura, will weiter, hängt die Höhere Fachschule für Elektrotechnik an, schreibt seine Diplomarbeit über die Modifizierung einer Hybridanlage. Sein Lebenslauf umfasst über drei Seiten, 2009, Sandro plant ein Erdungskonzept für die Rhätische Bahn in Landquart, 2011, er entwickelt neue Schaltposten für die Rigi-Bahnen, 2014, Sandro berät die Regionalbahn Bern-Solothurn beim Bau eines neuen Tiefbahnhofs. Projekt um Projekt reiht sich ein in eine lange Liste.

«Abschalten, das war das Problem, ich konnte nicht mehr abschalten.»

Wenn der 39-Jährige spricht, unterstreicht er das Gesagte, gestikuliert mit Händen und Armen.

«Den alten Weg willst du nicht mehr gehen», sagt der 39-jährige.

Er wird sichtbar, der Projektmanager, der er war. Auf Zack, klarer Fokus. Vif auch im Kopf. Wenn er erzählt, dann atemlos.

«Ich bin jemand, der immer wieder Neues sucht, brauche regelmässige Tapetenwechsel, so bin ich. Wenn du Projektleitung machst, irgendwann kannst du das, du weisst, was du im Auge behalten musst, wie man Verträge liest, wie du das Ding managen musst, du weisst das. Irgendwann wurde mir langweilig. Dann habe ich angefangen, selber neue Kunden zu akquirieren, habe mit den Firmen Partnerverträge abgeschlossen, lauter solche Sachen.»

Es ist, als kreierte er eine Firma innerhalb der Firma. Sandro will Karriere machen, spezialisiert sich im Bereich der Erdung. Sandro baut Sicherheitsmechanismen in die Fahrleitungen seiner Firma und es ist tragische Ironie, dass er heute im Wald versucht, sich selbst zu erden.

«Ich habe ich mir immer mehr Verantwortung aufgeladen. Dann kamen die Momente, in denen ich mich fragte: Was ist, wenn jemand stirbt auf der Baustelle, für die ich grünes Licht gegeben habe? Fahrleitungen, Hochspannung, Personensicherheit – wenn jemandem etwas passiert, ist er tot. Ich konnte nicht mehr abschalten.»

Sandro kennt die Abläufe auf den Baustellen, zigmal hat er sie umgesetzt, zigmal hat er sie überprüft. Er steigt ins Auto, fährt nach Hause, setzt sich an den Tisch und weint.

«Ich schleppte einen solchen Rucksack – diese Verantwortung, für x Menschen, die die Nacht durcharbeiten. Und ich habe das ‚Go‘ gegeben dafür. Ich war alleine, hatte niemanden, weil ich immer alles alleine machen wollte, normalerweise hast du einen Stellvertreter, ich hatte doch nie einen Stellvertreter, du hast ein Team im Rücken, hatte ich nicht, ich habe immer alles selber gemacht.»

Pause. Vogelgezwitscher.

«Und das akzeptiere ich auch.»

Lernprozess

Autofahren, einkaufen, alleine rausgehen: Sandro hat alles neu lernen müssen. Schweissausbrüche, Panik. Immer wieder. «Ich war wie ein kleines Kind, meine Frau nahm mich bei der Hand, führte mich. Zu der Zeit brauchte ich eine neue Brille, musste zum Optiker. Ich schwitzte wie verrückt, und als ich dort sass und eine Brille hätte aussuchen müssen – ich brachte kein Wort heraus. Ich konnte gar nicht sprechen», sagt der zweifache Familienvater.

Sandro fühlt sich zurückversetzt in sein Büro an jenem Septembermorgen. «Wie eine Explosion in meinem Kopf – wie wenn zwei Gewitterfronten über dem Thunersee aufeinanderprallen, so fühlte es sich an.» Wenn ein solcher Sturm naht, sieht man den kommen? Er lächelt. Seit drei Jahren hat er Symptome gespürt, Panik-Attacken, Nierenschmerzen. Geflissentlich ignoriert, am Schluss betäubt. Sein Vorgesetzter hat ihn machen lassen. Gesagt, er soll auf sich aufpassen. Seine Frau hat ihn gemahnt, «aber man ist selbstständig unterwegs in diesem Beruf». Macht er jemandem einen Vorwurf? «Mir selbst», sagt Sandro. Pause. «Ich bin dankbar, dass es passiert ist. Der nächste Schritt wäre der Herzinfarkt gewesen. Mit Neununddreissig.»

Rückkehr

Wir halten inne an einem ausgetrockneten Flussbett. Sandro zögert nicht, im Militär war er bei den Grenadieren, nimmt einen Satz und springt hinüber.

Früher spielte er Fussball, regionale Spitze, aus dem Jura reisten die Gegner an oder aus dem Baselbiet. Sandro war der Turm in der Abwehr, der Brecher, der hinten aufräumt.

Heute liegen in seinem Blick Zurückhaltung, Verletzlichkeit. Er erwähnt traumatische Erlebnisse und deren Aufarbeitung, seine Psychiaterin, die ihm dabei hilft. Er spricht in der Vergangenheit, das ist abgeschlossen, er spricht über neue Wege, die da seien, oder Wege, die man wiederfände.

«Den alten Weg, den willst du nicht mehr gehen.»

Der Wald vor uns ist voller Metaphern, Wurzeln am Boden, Stolpersteine, Sandro steht an einer Wegscheide, dunkles Dickicht, helle Lichtungen. Die Symbolik, die Bilder, sie helfen ihm.

Wo Schatten ist, ist auch Licht: Sandro richtet seinen Blick nach vorne.

Einmal pro Woche trifft er sich mit einer Psychiaterin, dazu ebenfalls wöchentlich mit Bettina Joder. Hinzu kommen die Meetings mit dem Job-Coach, der ihm helfen soll, den beruflichen Wiedereinstieg zu schaffen. Er hat sich, ganz Projekt-Manager, «ein Team zusammengestellt».

Und er hat wieder angefangen zu arbeiten, vierzig Prozent vorerst. Er konnte nicht mehr zuhause sitzen, ihm war langweilig, er sagte sich, ich muss etwas machen, anders. Also startete er «ein Pilotprojekt»: zurück in die Berufswelt. Wie ein Lehrling fühlt er sich mit seiner persönlichen Betreuung, fünfzehn Minuten schafft er, dann wieder schwitzen, Nervosität. Er stellt kleine Dinge her, mit den Händen arbeiten, sieht ein Endprodukt. Nicht wie früher, als die Auftraggeber manchmal nach zwei Jahren Projektarbeit abwinkten und sagten, sorry, wir führen das Projekt nicht durch.

Sandro entscheidet sich, bei seinem alten Arbeitgeber einzusteigen, Fahrleitungen und Erdung. Ein Riesen-Thema sei dieser Wiedereinstieg gewesen. Wann, wo, was, die einen sagen schnell, die anderen sagen langsam, unterschiedlichste Meinungen. Sandro sagt: «Ich mache meinen Job gerne, auch weiterhin.» In seiner Firma hat er offengelegt, wie es um ihn steht. Und dabei Verständnis und Unterstützung erfahren.

Bewegung

Er ist zurück, der Projektmanager und er plant sein bisher wichtigstes Projekt. Das Projekt seines Lebens. Bettina Joder, die Psychiatriepflegefachfrau, läuft neben Sandro. Sie trägt eine türkisblaue Manchesterhose, einen Wollpullover und eine gelbe Umhängetasche aus Leder. Ihre weissen Haare leuchten im Wald, in der Hand ein regenbogenfarbener Schirm. Sie sieht sich als eine Art Bindeglied zwischen Therapie und Alltag, «Perspektiven schaffen, Orientierung finden, mit Glück vielleicht sogar einen Sinn in dem, was geschehen ist».

«Aus jedem Stillstand ist Bewegung möglich», sagt Bettina Joder. Als Psychiatriepflegefachfrau begleitet sie Sandro seit über einem halben Jahr.

Als Pflegefachfrau in der ambulanten Psychiatrie sucht sie Menschen zu Hause auf in ihrem gewohnten Umfeld, mit Sandro geht sie in den Wald. Erste Schritte in einem veränderten Leben. Schotterwege knirschen unter den Sohlen, Tannnadeln schlucken die Geräusche. «Stillstand bedeutet nie Stillstand», sagt Joder. Und: «Aus jedem Stillstand ist Bewegung möglich, auch wenn die Schritte noch so klein sind. Die Arbeit mit Sandro zeigt mir, dass jeder Mensch – und daran glaube ich zutiefst – einen unzerstörbaren Kern hat. Ein Kern, der manchmal verschollen ist, nicht zugänglich. Ein Herz, das nun langsam wieder zu pulsieren beginnt.» In der Ferne hallen Schüsse vom Schiessstand, irgendwo abseits des Waldrandes.

Es ist eine radikale Veränderung, die Sandro vollzogen hat. Vollziehen musste. Von Dauerstress hin zu Achtsamkeit, meditieren, anstatt zu trinken. Viermal in der Woche geht er aufs Bike, oft ist er im Wald.

«Den Gedankenstrom unterbrechen.»

«Und immer wenn wir lachen, stirbt irgendwo ein Problem.» Eine Erinnerungsstütze im Thuner Wald.

Akzeptanz

«Normalerweise hast du drei Standbeine: Gesundheit, Beruf und Familie.» An jenem Tag im vergangenen September bricht alles weg.

«Ich habe von Anfang an darüber gesprochen. Aber ich habe lange gebraucht, bis ich akzeptiert habe, dass ich ein Burn-out habe.» Er, der nie Hilfe in Anspruch nahm, nie Hilfe brauchte. «Ich habe doch nie über mich gesprochen, über Ängste.»

Heute reagiere er stärker auf äussere Einflüsse. Letztlich etwas Gutes, diese Empfindsamkeit, er sei liebevoller, mit sich, seinem Umfeld. Seinen Kindern, die ihn weinen gesehen haben. «Darum geht es doch schlussendlich, nicht?»

Akzeptieren, darüber reden, Hilfe holen, das könne er anderen mit auf den Weg geben. Er selbst müsse lernen, seinen Perfektionismus zu kontrollieren. Einen Bericht abgeben vielleicht, im Wissen, dass die Gross- und Kleinschreibung durcheinander geraten ist und die Kommas nicht sitzen. Solche Dinge. Schreiben, ohne parallel dazu zu korrigieren. Kommt der halt rot zurück. Was nicht bedeutet, dass es ihm egal ist, wie er seine Arbeit macht. Sandro sagt: «Ich will zurück in den Job. Und ihn qualitativ besser machen.» Ich werde hellhörig. Er präzisiert: «Nicht in Bezug auf meine Arbeitsleistung, in Bezug auf mich – als Menschen.»

Es hat zu regnen begonnen, Regentropfen bilden kleine Blasen, wenn sie in die Pfützen am Wegrand platschen. Sandro spannt seinen Regenschirm auf.

Er will mit seiner Familie das Leben geniessen. Ein Leben, das ihm fast abhandengekommen wäre.

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