Im Rahmen des diesjährigen Red Bull Alpenbrevets wurde die Antikcrew zur «Gang of the Year» gewählt. Speziell an der Sigriswiler Töffli-Truppe: Viele der Mitglieder sind untereinander verwandt. Vom Vater über den Sohn und dessen Cousin sind sie alle angefressen. So geht es den Mitgliedern der Antikcrew denn vor allem auch ums gemeinsame Erlebnis.
Von Pascal Müller

Sie sind «die verrückteste Gang rund um den Niesen», die Sigriswiler Familienbande Antikcrew. Was sie sich schon lange auf die Fahne geschrieben hatten, ist seit wenigen Wochen offiziell: Im Rahmen des Red Bull Alpenbrevets 2021 wurde die Antikcrew zur «Gang of the Year» gekürt. Sie überzeugten die Jury mit ihrem eingesandten Bewerbungsvideo, das Alpenbrevet wurde damit zur Triumphfahrt für die Sigriswiler Töffli-Fanatiker.
«Eifach us Fröid»
Den Titel «Gang of the Year» verleiht Red Bull erst seit vier Jahren. Bei der Auszeichnung gehe es darum, die Töffli-Gangs – «die heimlichen Stars» des Alpenbrevets – ins Rampenlicht zu rücken, schreibt Red Bull. Mit einem einmütigen Video konnten sich Gangs aus der ganzen Schweiz bewerben und erklären, wieso sie den «prestigeträchtigen Titel» verdienen. Vielleicht war es ihr Motto – «eifach us Fröid» –, das den Ausschlag gab?

Vielleicht ihre blitzblank geputzten Töffli oder vielleicht auch die Tatsache, dass sie bei jedem Wetter unterwegs sind und sogar einen Servicewagen zur Verfügung haben. Jedenfalls wanderte der Pokal in diesem Jahr nach Sigriswil zu den Familien Müller und Cavegn, die beide mit mehreren Mitgliedern in der Gang vertreten sind. Doch was macht sie aus, die Faszination Töfflifahren?

Das langsame Unterwegs-Sein
Einer, der diese Frage beantworten kann, ist Jürg «Antikbrönner senior» Müller. Er ist der älteste Fahrer im Team und Gründungsmitglied der Gang. Er hat den Namen der Gang geprägt, schliesslich ist er nicht nur für seine Künste auf und am Töffli bekannt, sondern auch dafür, dass er sich bestens mit alten Flipperkästen, antiken Musikboxen und dergleichen auskennt. Das erste Red Bull Alpenbrevet verfolgte er als Zuschauer, ab da packte ihn die Faszination, und er schwang sich selbst in den Sattel. «Man fährt langsam durch die Gegend, man sieht sehr viel – ist in Gässchen und Strassen unterwegs, durch die man mit dem Auto nicht hindurchkommt», schwärmt Jürg Müller. «Es ist ein ganz anderes Erlebnis», sagt der 69-Jährige, «das ist meine Motivation».

Wenns ums Töfflifahren – oder auch ums Reparieren geht –, weiss «Antikbrönner senior» Bescheid – er fährt seit mittlerweile 55 Jahren. Dass er selbst mal in der Gruppe starten würde, hätte er sich zwar früher «nicht im Traum» gedacht, aber nach dem allerersten Red Bull Alpenbrevet 2010 in Meiringen war es um ihn geschehen. Er, der innerhalb der Gang «eher der ruhige Typ» ist, erzählt mit leuchtenden Augen von den «Benzingesprächen» und vom gemeinsamen Überqueren der Pässe. Seine Leidenschaft teilt er mit seiner Frau Merjam und mit seinem Sohn Thierry. Beide sind ebenfalls Teil der Crew.

Familiensache
Sohn Thierry Müller hört auf den Spitznamen «Antikbrönner jr.» und mit seiner Begeisterung hat er gleich noch seine Freundin Tina angesteckt. Betrachtet man die Sigriswiler Töffli-Crew aus Thierrys Perspektive, so ist quasi seine ganze Familie mit dabei: Vater Jürg, Mutter Merjam, Freundin Tina, Tante Malika, Onkel Thomas und Cousin Diego (deren Sohn) sowie seine Töffli-Freunde Hanspeter und Jonas. Familiensache also.

«Es ist einfach nur cool», sagt Thierry Müller und zeigt stolz den «Gang of the Year»-Pokal. Der Töffli-Lenker, der auf einem Holzsockel befestigt ist, hat in der Garage der Tante einen Ehrenplatz erhalten. Nach seinem Vater war er der zweite Teilnehmer aus dem Hause Müller, der das Red Bull Alpenbrevet fuhr, Jahr für Jahr kamen weitere Freunde und Familienmitglieder hinzu.
Zusammenhalt
So zum Beispiel Mutter Merjam und Freundin Tina. Für Merjam – ihre Lederjacke zieren die Abzeichen von sämtlichen Alpenbrevets, die sie absolviert hat – bedeutet Töfflifahren Entschleunigung.

Insbesondere aber steht das gemeinsame Erlebnis im Vordergrund. Eine Ausfahrt am Wochenende, «irgendwo was Feines essen gehen» – und hier und da am Töffli rumschrauben, das ist es, was die 57-Jährige mag. Und man sei füreinander da, sagt Merjam. Ein wichtiger Aspekt – «egal, ob das Töffli nicht läuft oder der Fahrer ein Problem hat», so die Frau mit Spitznamen «Antikracer».

Das Familiäre war auch für Tina entscheidend: Durch ihren Freund Thierry erhielt sie einen Einblick in das Hobby der Familie, war begeistert, wie die Familie gemeinsame Töffli-Ausflüge unternahm. «Da wollte ich auch dabei sein», sagt sie heute. Für sie bedeutet Töfflifahren, sich in den Sattel schwingen zu können und ohne allzu grosse Anstrengung über die Pässe fahren zu können.
Der Besuch bei der Töffli-Truppe zeigt: Das Zusammensein zählt. Vielmehr noch als der Wettkampf stehen gemeinsame Erlebnisse im Vordergrund. Vor allem wenn die Töffli-Crew gleichzeitig die Familie ist.